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Category Archives: Es geht den Bach runter

Zum-Haare-raufende Entwicklungen unserer Gesellschaft

Das Keifen der Giftzwerge

Mit drei Hefeweizen intus kann man entweder deutsche Bundestrainer interviewen oder sich in ein Online-Diskussionsforum einloggen und seine geistigen Ergüsse preisgeben. Es wird ja immer gerne behauptet, das Niveau solcher Onlinediskurse sei unterste Schublade. Stimmt auch. Oft. Man brauch nich lange suchen und findet Beiträge, die einem das Wasser in die Augen treiben, so unterirdisch sind die.

Guckt einfach mal. Jetzt! Z.B. streiken grad die Piloten. Das riecht doch förmlich nach bescheuerten Kommentaren. Und tatsächlich, einfach mal auf Süddeutsche.de gehen. “tiginius” schreibt empört: “warum können die wildgewordenen Gewerkschaftsbonzen nicht endlich schadensersatzpflichtig gemacht werden für die von ihnen angerichteten Kollateralschäden auf Seiten der unbeteiligten Passagiere???” Ich weiß auch nicht, tiginius. Hoffentlich findet sich wer, der dich für deinen Flug von Frankfurt nach München entschädigt, wo du in die Allianz-Arena gehen wolltest, um mit den 50 Euro für die Eintrittskarte den Spielern des FC Bayern ihr Traumgehalt mitzufinanzieren. Merkst du was? Egal.

“bogenhauser2013” hat absolut gar nix zu tun an einem Freitag, ähnlich wie ich, und antwortet auf jeden noch so dummen Kommentar mit einem noch dümmeren. Da sagt einer, der Streik habe zumindest die positive Wirkung einer kurzfristigen CO2-Reduktion. Einer, der die guten Seiten sieht, is doch nett. bogenhauser meint dazu: “1) Die Vulkane pusten im Durchschnitt jedes Jahr mehr CO2 und Feinstaub aus als der Flugverkehr. 2) Die Straßenbahn an der Cosimastraße ist lauter als die startenden Flugzeuge in der dem Flughafen nahest gelegenen Ortschaft.” Ich wär gern einen Tag lang bogenhauser2013. Being Bogenhauser. Bogenhauser Bogenhauser? Bogenhauser!

Auch ein Blick in die “Welt” lohnt (nie). Dort ist ein Interview mit Hamad Abdel-Samad zu lesen, dem boyfriend von Henryk M. Broder. Themen rund um den “Islam” sind ja eh Garanten für große quantitative und geringe qualitative Beteiligung. “daniel drehmer” hat auf jeden Fall die Dinge durchschaut und die einzig richtige Lösung parat: “Dieses Land wird einfach aufgegeben. Die Identität Deutschlands ist schon jetzt zu 75% weg. Die 100% erreichen wir, wenn wir einen Bundeskanzler aus “…” haben und unsere Staatreligion “…” ist. Ich (1964er) lebe hier mein Leben zu Ende und verweigere dieser Regierung meine Unterstützung wo es geht. Meine Arbeitszeit und damit mein Gehalt habe ich auf 60% runtergeschraubt. Und ich wähle die Alternative.” Viel Stoff drin in dem Kommentar, wenn auch ohne jeglichen Zusammenhang. Wir leben also noch zu 25% in Deutschland, darum sollten wir 40% weniger arbeiten und verdienen? Clever! Die noch tiefgründigeren Kommentare sind leider nicht mehr zu lesen, da ungefähr jeder dritte Kommentar von der Redaktion gesperrt wurde. Und das soll schon was heißen, denn bei der Welt lässt man auch die deppertsten Aussagen durchgehen. Das Dilemma der Meinungsfreiheit.

Also ich glaub, es gäbe noch so einige Beispiele für hirntoten Stuss, wenn man sich noch ein bisschen umsieht in den Foren. Aber jetz kommts: Der Fehlschluss, der daraus gezogen wird, ist der, dass behauptet wird, in der Offline-Welt Kommunikation werde durch soziale Umgangsformen und fehlende Anonymität nicht so viel rumgekeift. Dann möchte ich da kurz einhaken. Vor kurzem erst gabs folgende Situationen:

1) Ich fahre nachts mit dem Rad nach Hause. Vor mir latscht einer bei Rot über die Straße, so dass ich ausweichen muss. Er: “Ähhh, mach ma Licht an, ähhh!” – “Ich hab doch Licht an.” – “Halt die Fresse!”

2) Im Park joggen gewesen. Einer von drei Halbstarken, die da rumlungern: “Du siehst aus wie ein Stück Scheiße mit zwei Augen aufm Tanga.” Ich hab es versucht, mir vorzustellen, aber schwierig. Tanga auf Scheiße?? Seine Fantasie will ich nicht haben.

Deswegen geh ich wahrscheinlich so wenig unter Menschen. Und auch andere, die ich kenne. Also, in Online-Foren wird sowas wenigstens gelöscht. Wer macht das auf der Straße für mich? Ja wohl niemand. Soll mir niemand kommen und sagen, im Internet würde nur Driss gelabert. Da tummelt sich halt nur alle und jeder. Inhaltlich wertlos, aber so isses. Die verbalen Ausfälle zumindest gibt es nur noch im echten Leben. Kann man mit Humor nehmen, tu ich im Netz auch. Anders ist es ja teilweise nicht zu ertragen.

 

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Die Plätze des Grauens mal schön

Zwar fahren im Winter die Züge wieder nicht richtig, weil der so “überraschend” kam, aber wenn man sich nicht auf seine langsam absterbenden Zehen konzentrieren will, während man auf tristen Bahnhöfen Lebenszeit verplempert, birgt der Schnee zumindest ein bisschen Abwechslung vom üblichen Grau-in-Grau. Ich musste gestern durch die Stadt tingeln, “Besorgungen” machen und hab einfach mal meine olle Kamera eingesteckt. Und siehe da, manche verpönte Ecken haben mit dem richtigen Blickwinkel und ein bisschen Schnee obendrauf irgendwie Charme.

Berlin ist bekanntermaßen eine einzige Baustelle. Man verschafft sich mit der freudigen Erwartung darauf, wenn alles endlich mal fertig ist und in prachtvollem Glanz erscheint, ein wenig Luft und betrügt sich dabei selbst. Aber so what, wir leben ja alle irgendwie für eine Zukunft, die wir uns krampfhaft bilderbuchmäßig schön malen, weil wofür sonst jetzt soviel ackern? Wenns jetz schon kacke is, dann muss es wenigstens irgendwann geil sein. Hm ja, ich weiß ja nich, ob die Rechnung aufgeht…

Das Ostkreuz: Einfach schön! Ein grauer Kasten mit Fenstern, wie jeder andere auch. Extra so entworfen, muss man sich vorstellen. Sagenhaft! Darunter versammelt ein neues Gleis in Richtung Stadt die Menschenmassen in einem zu kleinen und dunklen Panikraum zwischen Betonpfeilern und Schienen, dass einem diverse Horrorvorstellungen von tödlich ausgehenden Missgeschicken und klaustrophobischen Angstzuständen durch die fragile Psyche jagen. Dass die Leute da möglichst schnell weg wollen, erkennt man daran, dass die Zusteigenden von außen bereits panisch auf den Türknopf drücken, als ob diejenigen, die aussteigen wollen, nicht selbst auf die Idee kämen, diesen zu betätigen. Das verdutzte Gesicht der Zusteigenden, wenn die Tür aufgeht und sie den Ausgang blockieren und nicht wissen, was sie nun tun können, um dieser Situation beizukommen, ist womöglich kein Ostkreuz-Phänomen, zugegeben. Rumschnauzen ist übrigens die am häufigsten verwendete Problemlösungsstrategie, hab ich bemerkt. Kurz danach kommen unspezifische Drohungen gefolgt von völliger Ignoranz, die ich persönlich erfrischend bewundernswert finde. Würde ich mir gerne eine dicke Scheibe von abschneiden.

Überbleibsel des alten Ostkreuzes

Zumindest unterlässt die Rolltreppe seit längerem dieses trommelfellzerberstende Quietschen. Vermutlich weil sie meistens kaputt ist. Mir klingen da noch die philosophisch anmutenden und mit der nötigen Brise an ironisch-fatalistischem Unterton geschwängerten Worte eines Bekannten nach: “Wenn die große Pfütze da unten irgendwann weg ist, dann ist das Ostkreuz wirklich nicht mehr, was es mal war.” Für mich persönlich ist diese Pfütze das Wahrzeichen Berlins. Dieser momentan halb zugefrorene See muss mittlerweile ein eigenes Ökosystem sein. Es wundert mich, dass da noch keine Umweltschutzorganisationen drauf aufmerksam gemacht haben. Naja, es gibt andere Baustellen, z.B. die Höhle unterm Ostkreuz für eine Autobahn, die möglicherweise niemals gebaut wird.

Ich fahr eigentlich nie noch weiter in den Osten, weil da bin ich ja schon. Ich fahr normalerweise nach Westen. Außer diesmal. Da hats mich nach Marzahn verschlagen. Plattenromantik. Oder war das Lichtenberg? Nee, Marzahn gehört zu Lichtenberg, oder?! Kenn mich da nich so aus. Auf jeden Fall ist man da ganz schnell in einer anderen Welt. Zwischen den Betonmonstern, die man zwecks Lebensqualität bunt angemalt hat, kommt man sich ganz schön klein vor. Verlaufen will man sich da auch nicht, weil die Proportionen da einfach anders sind. So wie Gulliver, nur andersrum. Vor mir lief ein Gothic-Mensch oder so, jedenfalls ganz in Schwarz mit langem langem Mantel, Lackstiefeln und einer angenähten Stoffratte auf der rechten Schulter. Dann noch eine schmale junge Frau mit bunter Testfrisur und der Rest waren eigentlich nur alte Menschen mit diesen Stoffwägelchen, mit denen man einkaufen geht. Also mit denen alte Menschen einkaufen gehen. Oder die junge Menschen auf Festivals mitnehmen und meist anschließend zurücklassen, da sie der Last der Bierpaletten nicht gewachsen waren. Aus dem oberen Stockwerk so eines Plattenbaus hat man allerdings nen interessanten Blick auf das kunterbunte Mutantenmonopoly.

Pladde

Der schlimmste Platz auf Berliner Boden ist unzweifelhaft die Warschauer Brücke. Da könnt ich jedesmal im ganzen Strahl brechen, wenn ich da rüber muss. Mir fällt wirklich kein einziges Argument ein, warum man diesen Ort nicht in die Luft jagen sollte (Schaboom!, und schon steigen meine Klickzahlen. Wart, wenn ich schon dabei bin, tagge ich noch NSA-optimiert: Pentagon, Obama, Explosion, Bombe, Dschihad, AK 47, how-to-build-a-bomb, Penispumpe, ah nee falsche Rubrik…). Wenn man mich foltern wollen würde, dann müsste man mich einfach auf die Warschauer Brücke ketten. Irgendwann hätten mich Partytouristen, gestresste Berufstätige, Simon-Dach-Publikum und schlechte Straßenmusikanten schon weich gekocht.

Brücke des Grauens

Auch die Bahnen scheinen diesen grausamen Ort zu meiden. Dort steht man im schwarzen Loch des S-Bahn-Verkehrs. Als würde man gezwungen, zwischen grölenden, kotzenden und pöbelnden Menschen zu warten, als eine Art Anschauungsunterricht gemeiner Drogen. Meist Alkohol gepaart mit charakterlichen Defiziten. So wie zu Schulzeiten, als der Polizist den in der Sporthalle versammelten Schülern die schlimmen Auswirkungen des Drogenkonsums veranschaulichen wollte. Schickt sie einfach mal nachts auf die Warschauer Brücke, besser geht Anschauungsunterricht nicht.

Alles Kriminelle!

Heute wurden mir die Augen geöffnet. Euro-Krise, Syrien, Breaking-Bad-Spoiler-Alarm…, alles nich so wichtig angesichts der schockierenden Zustände in Deutschlands (Klein-)Städten. Wer schonmal “Mein Revier” (beim unmotivierten zappen denk ich immer wieder aufs Neue erstmal: Worum gehts denn in “Mein Neuer”?, weil dieses Logo am unteren Bildrand eigentlich nur verwirrt. Aber dann ists wieder ok, weil “Mein Neuer” wäre bestimmt NOCH schlechter, wenns die Sendung denn gäbe) auf RTL 2 geguckt hat, der weiß, wie tagtäglich hierzulande graue Mäuse von Menschen hemmungslos das Gesetz brechen und wenn sie dann von Braindead-Bürocratus ertappt werden, mit Kulleraugen so tun, als seien sie sich ihrer kriminellen Machenschaften gar nicht bewusst.

Da ist zum Beispiel dieses Null-Acht-Fuffzehn Mittvierziger-Päarchen, das man nur deshalb nicht übersieht, weil SIE eine gelbberahmte Brille vom lokalen Optiker zu ihrer Katalogfrisur trägt. Die kommen grad aus Ägypten oder so, irgendwo wo es warm war, Neckermann Halbpension anbietet und man für Souvenirs den eigenen Hotelkomplex nicht verlassen muss. Da denkt sich der Zoll am Flughafen: Bei denen gucken wir doch mal in den Koffer, ob die nicht ne Stange Zigaretten zuviel in ihr Köfferchen gestopft haben. Schmuggel! Eigentlich ahnen die Beamten das auf Grund ihrer Röntgengeräte ja schon, aber ein bisschen an der Nase herumführen macht den Hebel, an dem sie bereits sitzen, noch ein bisschen länger. Der Zollbeamte freut sich wie bolle wenn der was findet, ehrlich, der nennt das dann “Glück haben”. So wie bei den Drei Fragezeichen spielt der Detektiv und entdeckt (jetz pass uff!) bei den Besitzern des Koffers auch noch ne Packung Shisha-Tabak in der Plastiktüte. Ui, dicker Fang. Das riecht nach Daseinsberechtigung und einer knorken Geschichte für die Kollegen in der nächsten Kaffeepause. Das irritierte Päarchen, das pflichtbewusst alle Quittungen ihrer in Übersee erworbenen Klamotten aufbewahrt hat, versucht die unangenehme Situation nach dem klassischen Motto “Wir ham ja nix zu verbergen!” und “Sie machen ja nur Ihre Pflicht!” wegzulächeln, aber dieser Hauch von Kriminalisierung endet in gestressten Talggesichtern.

selber schuld!

Oder hier, anderer unfassbarer Fall, wirklich wahr: Parken in einer Feuerwehrzufahrt, um das Kind vom Kindergarten abzuholen. Heavy! Da kommen die Jungs vom Ordnungsamt dementsprechend mehrmals täglich hin, weil die wissen, da kriegt man immer wen dran. Bei ner “Uneinsichtigen” zückt der eine im Nachhinein den Notizblock, und sagt: “Mimimimi, die war aber frech, die kriegt jetzt doch noch ein Knöllchen. Das hatse jetz davon. Kannse ma sehn. Mimimimi!” Wenn Sätze schon so losgehen: “Juu-hunger Mann/ Juu-hunge Frau…. Sie wissen schoo-hon, dass Sie hier nicht halten düüürfen…?!”, so oberlehrermäßig, da kann doch niemand ruhig bleiben. Im letzten Kaff, in der hintersten Ecke, bei strömendem Regen noch die Erklärung hinterher: “Ja, wennet jetz hier brennt, dann kommt die Feuerwehr nich durch und dann verbrennen Sie und Ihre Kinder.” Glaubwürdig. Auch gut: “Nich ma wenden is hier erlaubt. Aber wenn hier mal jemand dreht, dann lassen wir das auch mal durchgehen.” Danke, der rigide Befehlsgehorsam hat noch nicht sämtliche Gehirnareale deaktiviert.

Dann fahren die beiden weiter zu einem Parkplatz, der so trist und verloren aussieht, dass ich da bitte niemals hin will. Aber da hat der eine Ordnungshüter vor zwei Wochen nen abgestellten Wohnwagen gesehen. Und wenn der immer noch an der gleichen Stelle steht, dann wird er abgeschleppt. Kümmert keinen, dieses verlassene Eck, wenn da nicht der Kollege in seinen Block aufgeschrieben hätte, wie die Ventile der Räder das letzte mal gestanden haben. Dieses Hightech-Verfahren scheitert dann nur daran, dass er die Tabelle verkehrt ausgefüllt hat, mensch. Also kriegt der Verdächtige nochmal zwei Wochen Aufschub. Aber dann wird abgeschleppt, kannste sicher sein.

Man kann förmlich sehen, dass nicht mehr hinterfragt wird, was die da eigentlich tun. Harmlosen Figuren eins reinzuwürgen, wird zum durchbürokratisierten Sport. Da findet sich scheinbar eine Beamte, die noch nen Funken Emphatie verspürt. Die haben da irgendwie nen Schwarzarbeiter aufgegriffen, der seit mehreren Jahren illegal im Land ist, weil er irgendwelche Papiere nicht fristgerecht eingereicht hat. “Schon traurig, oder? Der hat hier schon ein soziales Umfeld und so, und jetz wird er einfach abgeschoben?” Der abgestumpfte Kollege: “Egal. Der hatte Zeit genug, die entsprechenden Papiere auszufüllen, hat er aber nicht gemacht.” Wo Menschen bei eingepferchten Bürospießern zu Aktenzeichen degenerieren und die eigentlichen rücksichtslosen Heuchler zu treuen Handlangern deutscher Tugenden stilisiert werden.

Man sollte ja meinen, dass die im Fernsehen wenigstens den Anschein aufrecht erhalten wollten, sture Regelbefolgung durch auswendig gelernte Sprüche zu legitimieren, aber die Mühe macht sich da echt keiner mehr, weder RTL 2 noch unsere StaatsdienerInnen selber. Zum Glück sind mir so ne Typen im wahren Leben bisher weitestgehend erspart geblieben, was mich positiv stimmt. Aber RTL 2 nimmt uns ja immer mal wieder gerne mit in mentalen Abgründe des scheinbar Banalen.

Ekelhaaf!

Wie so ein Tag aussehen könnte, an dem man Sentinel-Kaspar-Hauser-mäßig alles um sich herum so dolle wahrnimmt, dass man kurz davor ist, Plaque zu kriegen:

Für die ehrenvolle Aufgabe, eine Abschlussarbeit zu verfassen, sucht man dann doch häufiger die Bibliothek auf. Ich könnte auch zu Hause wunderbar arbeiten, wenn da nicht die Frau mit der Raucherstimme wär , die unten im Hof immer ihren Köter zur Raison bringt. Oder der Typ, der mir nichts dir nichts mit seiner Anlage den kompletten Komplex mit Punkrock beschallt. Also lieber der deprimierende Nachkriegsbau von Bibliothek, in dem die Zeit still zu stehen scheint.

Die schönsten Plätze dort sind die ohne Nachbarn. Dauert nur nicht lange, bis der erste sich links neben mir den Tisch krallt. Er knallt sein Netzteil auf den Tisch, lässt sich ächzend auf dem Stuhl nieder und knistert gefühlte fünftausend Jahre in seiner kack Tüte rum. Knister Knister Raschel Knister. So viele Bücher passen da gar nicht rein, so lange, wie der da drin rumfummelt. Ich bin leicht gereizt. Jetzt schon. Dann packt er sich seine Wasserflasche und nimmt ein Schluck aus der Pulle. Denk ich. Aber scheinbar hat der Herr seit ner Woche keine Flüssigkeit mehr zu sich genommen. Wie ein ausgedorrte Pflanze, in die man immer weiter Wasser reinkippt in der Hoffnung, dass die sich schon wieder berappelt, wenn man nur nicht aufhört, die förmlich zu ertränken, schüttet er sich lautstark sein Getränk hinter die Binde. Schluck schluck schluck. Ich kann mich auf nix anderes mehr konzentrieren als auf den überstreckten Hals neben mir, der das wahrscheinlich extra macht, wie in dieser Cola light Werbung mit dem sexy Bauarbeiter-Model. Ich hätte nie gedacht, dass mich Schluckgeräusche so dermaßen anwidern können. Leider stellt sich raus, dass der Typ nicht nur laut trinkt, sondern auch zur Gruppe der Tastatur-Vergewaltiger gehört. Der drischt auf seine Tasten ein, dass mir sein Laptop leidtut. Das kann ich erst recht nicht leiden. Ich leg ne Pause ein, bis der sich beruhigt hat.

Gerade sitze ich wieder an meinem Platz, lässt sich jemand zu meiner Rechten nieder. Was hat der in der Hand? Ne Pulle voll mit Cassisschorlenplörre ausm Discounter. Während er auf facebook routiniert sein Profil pflegt und seine Likes abarbeitet, nimmt er immer mal wieder einen beherzten Schluck. Und so LAUT! Man, warum so laut? Und warum immer wieder in fast regelmäßigen Abständen riesige ohrenbetäubende Schlücke? Ich würde dem so gern sein Zuckergesöff in die Tastatur kippen. Ich mache ja eh nur noch eine halbe Stunde, denk ich, ruhig Blut.

Also raus aus der Bib, rein in die S-Bahn. Rein in die 50 Grad-Schweiß-Hölle, in der alle so apathisch auf ihren Sitzen kleben, dass scheinbar keiner mehr merkt, dass so ein Waggon Fenster besitzt. Man muss sie nur aufmachen. Extra umständlich öffne ich eins jener Fenster, und ich glaube, einige von den Zombies lassen durch ihre Höhlenaugen so etwas wie Anerkennung und Dankbarkeit durchblitzen. Bis eine Station später jemand einsteigt, und ohne mit der Wimper zu zucken das einzige Fenster schließt, was die Leute davor bewahrt, den Hitze- und Erstickungstod zu erleiden. Ich kann das irgendwie nicht ganz fassen. Was in so jemandem vorgeht…!?

Ich versuche mich, in meine eigene Welt zurückzuziehen, weil ich so viel panne Honkitonks nicht mehr ertragen kann. Und fahre drei Stationen zu weit.

 

Unseren täglichen Fraß gib uns heute

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Als Kind hab ich sie geliebt, die prickelnden Limonaden in den verschiedensten Geschmacksrichtungen, die ich zu den Ferienspielen mitnehmen durfte. Die konnten gar nicht künstlich-chemisch genug schmecken. Hauptsache glitschig süß. Sylvester und Geburtstage machten auch deshalb so viel Spaß, weil sie kulinarischen Ausnahmezustand bedeuteten. Später dann rückten diverse Fast-Food-Ketten in meinen Begierde-Fokus. Die kleinstädtische Sozialisation führte eben auch dazu, dass Ausflüge in die Schnellrestaurants der Großstadt zum nachmittäglichen Highlight avancierten. Wofür ältere Freunde mit Führerschein so alles gut waren früher. „Ey, Bock zu Mcess zu fahren?“ -“Kloar! Wann biste hier?“

Auch in Ländern, in denen es massenhaft geiles Essen gibt, kommt man nicht drum herum

Auch in Ländern, in denen es massenhaft geiles Essen gibt, kommt man nicht drum herum

Im Nachhinein betrachtet halte ich es meinen Eltern jedenfalls zu Gute, dass derartige Exkurse in die Welt der Plastikernährung die Ausnahme geblieben sind, quasi Kollateralschäden eines Mittelwegs zwischen Verbot und Laissez-faire. Zwar kann ich nicht behaupten, dass die Kochkünste meiner Mutter immer eine geschmackliche Erleuchtung gewesen sind, wenn ich aber daran denke, wie einer meiner damaligen Mitschüler regelmäßig seinen aus Schokoriegel und Brause bestehenden Pausensnack auspackte, dann bin ich schon für den Versuch dankbar. Klar, es umgab uns alle irgendwie auch der Neid beim Anblick von den süßen Sachen, aber wenn es sein musste, dann wurde halt mal ein bisschen Taschengeld geopfert für ein Snickers vom Büdchen. Schließlich waren wir Kinder, was bedeutet, dass der- oder diejenige mit dem Frischkäse-Radieschen-Schwarzbrot aus der Tupperdose es nicht unbedingt immer leicht hatte. Zwischenmenschlich gesehen. Aber irgendwann werden wir alle älter, und man sieht ein, dass der selbstverständliche Umgang mit auf Dauer schädlichen Lebensmitteln nunmal eine Pfadabhängigkeit schafft, die nicht mehr so leicht rückgängig zu machen ist.

Zum Glück wurde ich nie mit absoluten Verboten maltretiert, denn dadurch hätten die verbannten Früchte aus der Convenient-Welt erst Recht an Strahlkraft zugenommen, schätze ich. Das ist aber auch so ziemlich die einzige Weisheit in Bezug auf die Ernährung von Kindern, derer ich mir glaube, sicher zu sein. Dazu nehmen junge Erwachsene auch viel zu häufig ein ausgeprägtes Reaktanzverhalten ein, um sich möglichst weit von den Einstellungen und Verhaltensweisen der eigenen Eltern zu distanzieren. Dieser Graben wird wohl umso geringer, umso mehr sich die Erziehung in der Mitte zwischen diktatorischem Zwang und völliger Gleichgültigkeit ansiedelt.

Trotzdem ist die Unsicherheit darüber, was gesund ist und was nicht, wo ein Auge zugedrückt werden kann und wo lieber nicht, enorm. Vor allem, wenn einem die Werbung vorgaukelt, ihr Produkt sei durch „extra Calcium“ super für das Wachstum und die Extra-Portion Vitamin C mache das angepriesene Getränk zum unverzichtbaren Bestandteil einer verantwortungsvollen Ernährung. Man könnte sich natürlich auch auf die anderen Zutaten konzentrieren: „Mit 50% Zuckeranteil. Damit ihrem Sohnemann schon bald die Zähne abfaulen.“ Oder: „Diabetes leicht gemacht!“ Oder: „Mit reichlich Konservierungsstoffen, deren Auswirkungen wir nicht kennen.“

echte Früchte!

echte Früchte!

Dabei wird Eltern auch noch zusätzlich das Leben schwer gemacht, indem Unternehmen gezielt bei Kindern für ihre süße Plörre werben. Nicht nur sind Kinder für solche Manipulationsversuche besonders empfänglich, sie finden zudem nunmal Nahrungsmittel umso toller, je süßer sie sind. Wehe, jemand kam beim St.-Martins-Umzug auf die Idee, als Belohnung für meine schicke Laterne und hochklassige Gesangsperformance Mandarinen in meine Tüten zu packen. Wie doof war das denn?! Süßkram musste es sein. Da lasse ich mir natürlich auch gerne einreden, dass das zusätzlich gesund sein soll. Mama und Papa bleibt da nur die Rolle des Spaßverderbers: „Nein, jetzt nicht! Nein, das ist ungesund! Nein, es gab doch erst gestern Schokolade!“ Na und?!

Achso, vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich (noch) gar keine Kinder habe, aber ich stelle mir das schon fies vor. Das heißt nicht, dass den Erziehungsberechtigten die Verantwortung abgenommen werden soll, ihre Schützlinge auf die Tücken der (Ernährungs-)Welt vorzubereiten, aber mit weniger dreisten Ablenkungsmanövern und Störfeuern durch die Lebensmittelindustrie wäre es durchaus leichter.

Heute koche übrigens ich für meine Eltern, wenn ich zu Besuch in der alten Heimat bin. Dabei schnapp ich mir meistens erstmal die ganzen eingefrorenen Reste aus dem Tiefkühler (einfrieren ist in dieser Generation ein Hobby, oder?!) und improvisiere. Anfänglich sorgte es noch für Verwirrung, wenn ich die Gewürzmühle auf den Tisch gestellt und mehr als 4 Zutaten im Essen verarbeitet habe, aber mittlerweile entfalten sich auch für meine Eltern neue Geschmackswelten jenseits von zu Brei gekochten ungesalzenen Nudeln und tiefgekühltem Frühlingsgemüsemix. Aber hey, da waren immerhin jene Nährstoffe drin, die ich zum Spielen benötigte und die ich nicht bekommen hätte, wenn ich mir für 5 Mark was geholt hätte. Das wäre wahrscheinlich ziemlicher Scheißdreck gewesen. Und Scheißdreck sollte die Ausnahme bleiben.

Vom Ökotum und Kampfradlern

Ich fahre mal wieder nachts mit der letzten S25 nach Hause. Ich dachte ja, die gehören nicht zusammen, im Gegenteil, dass die zotteligen Jungs in ihrem Viererabteil den buntfrisierten Mädels gegenüber irgendwie blöd kommen oder so. Aber scheinbar kennen die sich und möglicherweise geht es um eine bestimmte Band, zumindest meine ich das aus folgendem Dialog heraushören zu können.

Bursche: „Ey, was machen die denn für Mucke?“

Mädel: „So Öko-Hippie-Metal.“

Bursche: „Und welche politische Ausrichtung haben die?“

Mädel: „Hm… Öko halt!

Ich denk sofort: „Is die blöd, alda. Links oder rechts?!“ Und dann mach ich mir Gedanken, wo sich „Öko“ denn so ansiedelt im politischen Kontinuum. Klar, man könnte meinen, öko is gleich grün, also irgendwie links. Aber gleichzeitig doch mittlerweile auch total bürgerlich, überall öko und bio, wo man nur hinschaut. Und dann gibt’s da auch noch die Rechten, die aufm Land nach orientierungslosen Jugendlichen fischen und die genmanipulierten Mais in ihrer geisteskranken Logik gleichsetzen mit der Vergiftung des reinen Volkskörpers. Öko kann alles sein. Begriffe sind dazu da, um ihnen im Kontext der eigenen Perspektive neue Bedeutung zu geben.

Ich dachte auch immer, Radeln sei ne spitzenmäßige Sache. Als überzeugter Radfahrer hab ich mir eingebildet, die Umwelt zu entlasten, die Stadt ein bisschen weniger zu verstopfen und den Aggressionen zu entkommen, die irgendwie zwangsläufig jeden Autofahrer und jede Autofahrerin im Stadtverkehr irgendwann ereilen muss. Wir sind die Guten, hab ich immer gedacht.

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Zack Bäng, nix da! „Kampfradler“ alle miteinander! Fußgänger fürchten um ihr Leben, wenn die Rabauken wie die tasmanischen Teufel über die Bürgersteige fetzen. Wenn ich so vom gemeinen „Kampfradler“ höre oder lese, stell ich mir immer kriegsbemalte Durchgeknallte vor, die so braveheart-gladiator-mäßig nichts mehr zu verlieren haben, und mit ihrem panzerartigen Gerät á la Platz des himmlichen Friedens von hinten wehrlose Fußgängerzwerge überrollen. Und dann hinterher brüllen: „Pass doch auuuuf, du!“, um anschließend ihren Pfad der Zerstörung unter Gejohle fortzusetzen. Wenn du die Klingel hörst, ist es schon zu spät und du wirst gnadenlos niedergemäht.

Letztens erst wär ich fast in die Fahrertür eines parkenden Autos gekracht, die so ein Otto achtlos aufgerissen hatte, als ich gerade vorbeiradeln wollte. Die Schuld ist selbstverständlich beim Kampfradler zu suchen, worauf er mich auch dankbarerweise entschlossen hinweist: „Guck doch, wo du hinfährst!“ Ja klar, ich muss mich entschuldigen, denn natürlich schau ich ab sofort vor jedem Auto, das ich passieren will, ob nicht zufälligerweise jemand gerade in dem Moment aussteigen will. Ich rücksichtsloser Halunke, ich. Aber gut, er macht ja im Grunde nur von der Grundregel Nr. 1 des Straßenverkehrs Gebrauch: Schuld sind immer die Anderen.

Jedenfalls weiß ich neuerdings: Radfahrer sind auch böse und öko ist irgendwie alles. Wieder eine Graustufe mehr in meiner Welt, die ich doch so gern schwarz-weiß hätte.

Exklusiv: Armutsbericht inkontinent

Der Armutsbericht rotiert ja bekanntlich noch solange durch die „Ressortabstimmung“ unserer geheiligten Führer, bis er sich flockig liest. Ich weiß aber schon, was drin steht. Ich leake. Es läuft so richtig flüssig raus aus mir, es spritzt schon fast aus allen Nähten. Eigentlich weiß ja eh jeder, wie gut es uns allen „Schlechtrednern“ geht, obwohl einem die Realität geradezu permanent gegenteiliges in die Fresse klatscht.

Wir reden uns doch nur arm! In Afrika is man arm. Hier nich. Weil ich meinen Lebensstandard natürlich nicht mit dem meines Nachbarn vergleiche, sondern mit dem eines Wellblechhüttenbewohners in Somalia. Im Gegensatz zu dem geht’s mir doch gut. Wasn Glück. Und ich beschwer mich auch noch. Darf ich bitte bitte für 5 Euro brutto einer mir nicht vertrauten Arbeit in 100km Entfernung nachgehen müssen, da mir sonst Sanktionen drohen? „Jeder, der arbeiten will, findet auch Arbeit.“ Ich würde voll gerne über eine Leiharbeitsfirma angestellt sein, so dass man mich jederzeit rausschmeißen kann, wenn ich nicht pariere. So rechtlos wie die Amazon-Schergen, das wär ein Traum.

Dass Reichtum immer ungleicher verteilt ist, ist nun wirklich ein alter Hut. „Die Reichen werden immer reicher“. Gähn! Dieser Neid immer und überall. Die Reichen halten unsere Wirtschaft am laufen. Sollen die sich mal die Hälfte des Gesamtvermögens aufteilen. Gepriesen sei das Leistungsprinzip! Wer putzt oder Haare schneidet, ist Mensch 2. Klasse. Völlig zurecht. Wir dürfen nicht den Fehler machen und höhere Löhne zahlen, denn das würde unsere Wettbewerbsfähigkeit mindern und das sollte unser gesamtgesellschaftliches Ziel sein. „Exportweltmeister“ hört sich doch schonmal geil an, aber „Lohnzurückhaltung“ wäre für das masochistische deutsche Arbeitstier eine Auszeichnung, huiuiui. Ich will ne Plakette mit Silberband und Gravur: „Ich werde scheiße bezahlt und kann kein Geld für mich arbeiten lassen. Liebt mich!“

Die Lösung ist auf jeden Fall klar: Nicht Arbeit besser entlohnen, sondern Sozialleistungen kürzen, damit die ganzen armen Schweine noch mehr gedemütigt werden, weil sie noch nicht weit genug am Rand unserer Gesellschaft stehen. Die ham eh alle keinen Bock, vor allem nicht die Schmarotzer von außerhalb, die in unsere stolze Nation, für die wir nix können, einfallen und uns die Butter vom Brot abkratzen. Es ist wichtig, dass wir den Fokus auf die Verlierer lenken und da weiterhin immer schön draufschlagen, damit ja keiner auf die Idee kommt, dass der niemals zuvor dermaßen groß gewesene Reichtum ja irgendwo angehäuft sein muss.

Obwohl nein: Halt Stopp! Es ist ja „Krise“. Und in der Krise müssen wir alle “den Gürtel enger schnallen”. So eng, dass wir uns die eigenen Eingeweide rausquetschen und das auch noch gerne tun, weil wir schließlich einsehen müssen, dass „wir über unsere Verhältnisse gelebt haben“. Und „zulasten kommender Generationen“. Ich glaube zwar kaum, dass Äckermäns Kinder und Kindeskinder Not leiden müssen, aber wenn man nur oft genug behauptet, dass Geld verschwindet, wenn man es ausgibt, plappern es schon bald alle nach.

Wie lange geht diese sogenannte Krise eigentlich noch? So lange, bis der Arbeitsmarkt ein einziger Niedriglohnsektor ist? Uhh ja, ein feuchter Traum würde wahr werden. So würden wir jedenfalls „gestärkt aus der Krise hervorgehen“, ein Ziel, auf das wir uns alle was einbilden können, während die Menschen in den Peripherieländern schon jetz im Müll nach Essbarem wühlen. Zum Glück kommt das hier erst bissl später, puh!

Wir haben kein Armutsproblem. Wir dürfen keins haben. Verfüttern wir einfach Pferdefleisch-Lasagnen an Hilfsbedürftige. Wer sich dafür zu schade ist, kann auch nicht arm sein.

*Ironie: OFF*

gefunden bei Stuttmann Karikaturen.