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Monthly Archives: October 2012

Diskutieren zwecklos

Besserwisser sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Einfach drauf los klugscheißen was das Zeug hält, ohne jegliches Fundament, das konnte nicht nur ich besonders gut. In meinem Freundeskreis war dieser Schlag Mensch immer sehr präsent, jeder hatte so seine persönliche Strategie, Bullshit möglichst pseudo-intelektuell zu verpacken und sein Gegenüber dabei zu diskreditieren. Plötzlich kommt das Internet einfach so daher und raubt uns Neunmalklugen die Grundlagen des Blendertums. Diese Grundlage war im besten Fall gefährliches Halbwissen, oft auch völlige Ahnungslosigkeit. Egal, diskutieren macht Spaß, Recht haben noch viel mehr. Oder den anderen auszulachen, wenn er übers Ziel hinaus geschossen ist. Und wenn es argumentativ reichlich dünn wurde, konnte man sich noch durch destruktives Verhalten in die Diskussion einmischen. Es gab immer Wege, sich mitzuteilen, obwohl man keinen blassen Schimmer hatte.

Das macht uns Klugscheißer so liebenswürdig. In vielen Fällen dreht es sich sowieso um Themen, die die Welt nicht braucht und die keiner unmittelbaren Klärung bedürfen. Könnte ungefähr so aussehen:

A: „Ey, warum rasieren sich Radfahrer eigentlich die Beine? Was soll das bringen?“

B: „Die sind dann aerodynamischer! Die ganzen Luftverwirbelungen am Bein und so, das kostet ja Zeit.“

C: „Klar!! Deswegen schrubbelt die sich auch jeder zweite Hobbyradler ab. Weils Hundertstel Sekunden einbringt.“

B: „Ja Ja! Wasn sonst deiner Meinung nach?“

C: „Die machen das, damit sich die Haare nich im Kettenblatt verfangen.“

Alle: „HAHAHAHAAA!“ (klingt so richtig dreckig und laut und abwertend) „Alter! Die sehen doch nich alle aus wie Chubaka!“

C: „Weißte, wie weh das tut!?“

A: „Nee man! So lange Haare hat doch niemand. Oder du etwa?“

C: „ICH nich.“

A: „Ich kenn auch keinen.“

C: „Was soll dann der Grund sein?“

B: „Vielleicht hat das einfach nur Style-Gründe. Einer hat mal damit angefangen und jetz glauben alle anderen auch, das machen zu müssen. Quasi um seine Zugehörigkeit zum erlauchten Kreis der Rennfahrer zu demonstrieren.“

C: „Sieht doch kacke aus.“

So ging das noch ne Weile weiter, ohne erleuchtende Einsichten. Wenigstens hat sich das dümmste Argument mit den zu langen Haaren nicht durchgesetzt. Ein Rätsel, wie jemand auf so eine Idee kommen kann. Und dann auch noch ein Freund von mir, das hat mich wirklich beschämt.

Aber der eigentliche Punkt ist doch der: Ist euch noch nicht aufgefallen, dass es solche Quatsch-Diskussionen kaum noch gibt? An einem viel zu frühen Punkt, bevor der Bullshit-Battle erst richtig losgehen kann, zückt irgendein Honk sein Smartphone und erstickt jeglichen Spaß im Keim. Vorbei mit Klugscheiß-Olympiade. Vorbei mit Anschreien, bis die Stimme bricht. Vorbei mit der-nervigste-gewinnt.

„Google ma!“ Ja, gute Idee. Lass uns andächtig die Köpfe senken und uns anschweigen, bis wir die im Grunde unnütze Information vom Spaßverderber lieblos ins Gesicht geschmettert bekommen. Als würde es darum gehen, wer als erstes sein Hirn ausschaltet und ein kleines Gerät bittet, die Wahrheit preis zu geben. Wo ist da die Kreativität? Bei den Quizshows um Sonja Zietlow und Werner Schulze-Erdel ging es ja auch nicht darum, dass Kandidaten richtige Antworten geben, sondern wir Zeuge davon werden, wie sie voll ins Klo greifen. Sowas wie:

„Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen Sie etwas, das man einmal in der Woche wäscht!?“

-„ Die Füße.“

Jo! Für manche durchaus plausibel. Oder:

„Wen spielte John Malkovich in dem gleichnamigen Film „Being John Malkovich“?“

– „Äh, Tom Hanks?“

Hätte ja sein können. Wenn der Genosse nur Zeit genug gehabt hätte, uns seine Beweggründe für diese Antwort elaboriert darzulegen. Aber das interessiert Sonja Zietlow nicht. Und viele andere auch nicht. Dabei wärs doch herrlich, wenn „richtig“ und „falsch“ erstmal einem Aushandlungsprozess unterlägen. Die gepflegte Unterhaltung braucht Überzeugungsarbeit, kein allwissendes Netz.

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Über den Wolken ist die Freiheit NICHT grenzenlos, nein nein nein

Immer de gleische Scheiße, hee“, brummts neben mir, nachdem der Flugkapitän uns verkündet hat, die Flugsicherung ließe uns nun eine dreiviertel Stunde schmoren, bevor wir auf die Startbahn rollen dürfen. Da stellt man sich extra lächerlich früh am Gate an und penetriert die Mitarbeiterin, die die Boardingpässe mit einem gezwungenen Lächeln zerteilt, durch seine bloße Anwesenheit, nur um früher das Flugzeug betreten zu können, und dann das.

Durch das Bordmikrofon versucht der Kapitän mit Hilfe eines fröhlichen Sing-Sangs in der Stimme Ruhe auszustrahlen und uns auf seine Seite zu ziehen, während er innerlich bereits den unsäglichen Zorn der 200 Pauschaltouristen spüren muss, die er nach La Palma karren soll: „Liebe Fluggäste! Ich traue mich fast nicht, Ihnen das zu sagen, aber nachdem das Gepäckumladen ein paar Minuten in Anspruch genommen hat, lässt die Flugsicherung uns nun wissen, wir müssten uns einreihen und etwa 45 Minuten warten. Ich hoffe, das wird nicht der Fall sein, und wir kommen hier doch noch früher weg.“ Kommen wir nicht! Man lässt uns warten. Wer eh schon keinen Bock auf lange Flüge hat, geschweige denn mit zweihundert fremden Menschen auf engstem Raum zu verharren… Herzlichen Glückwunsch, Sie haben soeben weitere 45 Minuten oben drauf bekommen. Aber davon lässt man sich ja nicht die Stimmung vermiesen. „Lassen Sie sich dadurch nicht die Urlaubsstimmung vermiesen, ich tu es ja auch nicht“, so als würden auf den Piloten 14 Tage all inclusive im 4-Sterne-Hotel warten, bevor er sich entschließt, die Rückreise anzutreten und dabei noch ein paar Leute mitzunehmen.

Mein Sitznachbar fands jedenfalls gar nicht so dufte, obwohl ihn seine am Fenster sitzende blondierte Begleitung professionell zu beruhigen versuchte: „Reesch dich nich uff!

Was der Kollege daraufhin in seine zu enge Jeansjacke genuschelt hat, konnte ich nicht verstehen. Es müsste so etwas wie „Du hast natürlich Recht!“, vielleicht aber auch „Isch reesch misch so viel uff, wie et mir passt“ gewesen sein.

Allerdings bin ich zum dem Zeitpunkt längst damit beschäftigt, mein mir zustehendes Stück der Armlehne zu erarbeiten. Klar, ich habe eine ganz für mich alleine, weil ich am Gang sitze, aber 4 Armlehnen für 3 Passagiere pro halber Sitzreihe macht immernoch Eins Komma Periode 3 Armlehne für jeden. Also presse ich mich aufrecht in meinen Sitz und lege meinen Ellbogen auf das freie Stück Lehne ganz nah am Rückenteil, während sich der kugelförmige Lümmel links neben mir in den Sitz fläzt und sich daran macht, seine mit diversen Goldkettchen bestückten Malocher-Arme auf dem Rest der Lehne zu platzieren. Und überhaupt, warum is der so braun? Befinden wir uns nicht auf dem HINflug in Richtung Sonne? Die leichte kackbraune Verfärbung mit Gelbstich lässt mich letztlich darauf schließen, dass es sich um zahlreiche Besuche des guten alten Asitoasters handeln muss. Blondchen jedenfalls war definitiv zu oft.

Derweil bemühe ich mich, meine Platzansprüche im Fußraum ebenfalls geltend zu machen. Da kann ich mit meinen 1,90m beim besten Willen keine Abstriche machen. Mir bleibt ja eh schon nur die Wahl zwischen Beine-schräg-auf-den-Gang-legen und dafür den Kopf anlehnen können, und der Option, die Beine hinter den Sitz meines Vordermanns zu quetschen, was dazu führt, dass mein Kopf auf der Oberkante meines Sitzes zum liegen kommt, sollte ich auf die dumme Idee kommen, wegzudösen. Beides schmerzhaft: Entweder hämmert der Servierwagen irgendwann gegen mein Schienbein, wenn ich es überhaupt nicht erwarte, oder die reichlich unnatürliche Haltung meines abgeknickten Kopfes führt zu Verspannungen übelster Sorte. Ich entscheide mich erstmal pro Beine und contra Kopf. Dabei führe ich in meiner eh schon überaus aufrechten Sitzposition, welche wohl als ein Paradebeispiel für therapeutisches Sitzen – falls es sowas gibt – dienen könnte, meine angewinkelten Beine vor mich und berühre dabei das Bein meines erwähnten Sitzkollegen, das sich unerhörterweise in meinem Hoheitsraum befindet. Ha! Das kleine Machtspielchen habe ich gewonnen, denn so viel Nähe erträgt der frustrierte Sportsfreund scheinbar nicht.

Womöglich hab ich sein Aggressionspotential überschätzt. Der will nicht stressen, sondern einfach nur zügig in seinen Hotelkomplex gebracht werden. Das hat er sich nämlich im Katalog ausgesucht. Oder heutzutage wohl doch eher im Internet, wo doch schon Michael Ballack und andere mitleiderregende Gestalten von Plakaten zwielichtiger Reiseanbieter grinsen. Na, wenn der sich mal nicht durch ausschnitthafte Hochglanzfotos oder das Lächeln einer bezaubernden Verkaufsstrategin hat blenden lassen. Das ganze Übel passt auf so ein Katalogbild nämlich gar nicht drauf. Als ich früher im McDonalds stand, nach oben auf das Menü blickte und mich der neueste atemberaubend liebevoll hergerichtete Aktionsburger zur Bestellung verleitete, gabs am Ende auch wieder nur nen unförmigen labbrigen Brocken, bei dem scheinbar das Fleisch billiger ist als der Salat, denn der war stets unterrepräsentiert. Abgesehen davon musste man aufpassen, dass man sich nicht gleich noch Teile der Pappschachtel einverleibt, wenn mal wieder die Unterseite des völlig nährwertarmen Hamburgerbrötchens schon eins geworden ist mit dem durchweichten Karton. Nichts ist so wie es scheint, würde der Verschwörungstheoretiker sagen. Oder einfach RTL2 gucken. Da sieht man doch zugenüge erzürnte bis völlig am Boden zerstörte Touristen, die sich ihren Urlaub irgendwie anders vorgestellt haben. Jedenfalls kommt das so rüber, wenn sie auf ihren plastikbestuhlten Balkonen in die Kamera heulen, während im Hintergrund die Presslufthammer die leicht angespannte Grundstimmung untermalen. Dass die Leute aus solch wissenschaftlich fundierten und tiefgründig recherchierten Reportagen nicht lernen, ist mir ein Rätsel.

Aber noch ist ja alles in Ordnung. Es folgen die Annehmlichkeiten eines Langstreckenfluges in Form von Gratisgetränken und die nehmen meine mir jetzt doch ans Herz gewachsenen Sitzhomies auch großzügig in Anspruch. Nachdem die angekündigten 45 Minuten nämlich doch bittere Realität wurden, in denen die ersten ihre beim Einstieg verteilten Käseblätter bereits vollständig „gelesen“ hatten, andere wiederum nervös die Eröffnung der Bordtoilette herbeisehnten, werden bald Getränke gereicht. Mein Nebenmann freut sich: „Endlisch!

Man kann übrigens erahnen, wann es Häppchen gibt. Wenn nämlich ein Klimperkonzert der Anschnallgurte einsetzt, so als wäre der Gurt miese Schikane, von der es sich baldmöglichst zu befreien gilt. Reiseflughöhe erreicht. Das kleine blonde von ihrem Begleiter verdeckte Ding darf zuerst.

„Was darfs zu trinken sein?“

„Kaffee!“

„Milch? Zucker?“

„Milsch!“

„Noch ein kaltes Getränk dazu?“

„Ne Cola!“

Dann er.

„Und für Sie?“

„Dat gleische!“

Passen sich in einer Beziehung nach und nach auch die Vorlieben für kulinarische Köstlichkeiten an? In dem Fall das volle Koffeinprogramm?! Oder ist einfach jedes zusätzlich gewechselte Wort ein gewechseltes Wort zuviel, so dass man sich notfalls wortlos einen Kaffee-Cola-Cocktail reinkippt?

Ich grenze mich bewusst ab, mit Tee und Sprudelwasser. Ganz so edel war das dann aber auch nicht, denn die vom Steward angepriesene „Zitrone“ zum Tee entpuppte sich als Konzentrat in einer unglaublich umweltfeindlichen und kaum aufzubekommenen Alutüte. Ein Erfrischungstuch in flüssig.

Die zweite Runde Drinks gleich hinterher. Wenn die Wägelchen schon den Flur blockieren, dann kann man ja gleich nochmal auffüllen. Koffein-Flatrate sozusagen.

Sie: „En Kaffee mit Milsch!“

Er: „Dat gleische!“

Ich verzichte. Auch auf den vom Kapitän angepriesenen „Klassiker, den allseits beliebten Tomatensaft“. Ich finde das an Land schon eklig, warum sollte ich in der Luft darauf abfahren? Verändertes Geschmacksempfinden hin oder her. Nichts gegen Tomaten jetzt, die finde ich stark, vor allem als kleine Cherryversion, aber als Saft finde ich das völlig unnötig.

Zur Nutzung des Board-Entertainments werden Kopfhörer zum Knallerpreis von 3,50 Euro angeboten. Mir kommt das wie ein Relikt aus früheren Zeiten vor, wenn uns ernsthaft ein Drahtbügel mit Schaumstoffresten zum Verkauf angeboten wird. Nicht einmal ausleihen geht. Wer will so ein Ding danach denn bitte behalten?

Mit dem Gefühl innerer Überlegenheit greife ich zu meinen Sennheiser Kopfhörern und stecke sie in den wirklich gut versteckten Eingang schräg unterhalb der Armlehne, um mich dem nun beginnenden Blockbuster zu widmen. Ein Film, in dem alte Menschen nach Indien reisen, um in einem heruntergekommenen Hotel ihren zweiten Frühling zu erleben. Ich platze vor Spannung. Die fabelhafte Unterhaltung, die ich mir versprochen habe, kann ich mir allerdings in die Haare schmieren. Ok, den reudigen Bildschirm, in dem sich die Sonne von draußen spiegelt, kann ich verkraften, aber aus den Kopfhörern kommt ein zermürbendes Fiepen. Also man hört schon auch Dialoge, aber vor allem Fiepen. So stell ich mir Tinitus vor. Was mich in dem Moment jedoch am meisten beschäftigt, ist die Frage, ob die das von der Airline extra so machen, damit man seine eigenen Kopfhörer nicht benutzen kann, oder ich einfach von 200 Sitzen genau denjenigen erwischt habe, bei dem das Audiosignal Amok läuft. Den Film guck ich trotzdem.

Wichtig ist einfach, dass ich mich auf etwas konzentrieren kann, denn das psychopathische Dauergrinsen des Flugbegleiters macht mich langsam nervös. Der muss das machen, ist Bestandteil seiner Ausbildung. Man sollte das auch nicht unterschätzen, tierisch anstrengend sowas. Seinem glänzenden Schädel nach zu urteilen sowohl physisch als auch psychisch. Ich habe nämlich gelesen, dass Leute, die viel Lächeln müssen irgendwann zu psychischen Wracks werden. Vielleicht wegen der kognitiven Dissonanz zwischen himmeljauchzender Fröhlichkeit im Gesicht und dem inneren Drang, irgendwas kaputtschlagen zu wollen. Das kann nicht gesund sein.

Fast 5 Stunden geht der Flug, länger als geplant. Wegen Gegenwind, sagt der Kapitän. Kann sowas wirklich eine halbe Stunde ausmachen? Ich beschließe, dass das absurd klingt und der Kerl nach dem Faux-Pas vor dem Start mal wieder händeringend nach Ausreden sucht.

 

P.S.  Loriot – Alles über das Fliegen

Intro: Was mich geritten hat

Willkommen auf meinem Blog der geistigen Delikatessen! Eine Internetpräsenz, die in diesem Moment noch nicht über Google zu finden ist, wie ich soeben erfahren habe, was womöglich schon einen Vorgeschmack auf die inhaltliche Irrelevanz dieser Seite gibt.

Wer wissen will, warum ich mich unbedingt mitteilen muss, liest entweder meine About-Seite oder gesteht mir zu, dass ich es auch nicht so genau weiß. Und wenn es eh schon eine About-Seite gibt, warum dann dieser sinnlose Kommentar? Weil ich das Gefühl hatte, eine kleine Begrüßung schreiben zu müssen, irgendwas einleitendes, bevor es – aufgepasst – “In Medias Res” geht.

Also, lest fleißig, erkennt euch wieder, und fragt euch: “Sind wir nicht alle ein bisschen bekloppt?” Um dann zu antworten: “Ja, alle außer Ich.”