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Unseren täglichen Fraß gib uns heute

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Als Kind hab ich sie geliebt, die prickelnden Limonaden in den verschiedensten Geschmacksrichtungen, die ich zu den Ferienspielen mitnehmen durfte. Die konnten gar nicht künstlich-chemisch genug schmecken. Hauptsache glitschig süß. Sylvester und Geburtstage machten auch deshalb so viel Spaß, weil sie kulinarischen Ausnahmezustand bedeuteten. Später dann rückten diverse Fast-Food-Ketten in meinen Begierde-Fokus. Die kleinstädtische Sozialisation führte eben auch dazu, dass Ausflüge in die Schnellrestaurants der Großstadt zum nachmittäglichen Highlight avancierten. Wofür ältere Freunde mit Führerschein so alles gut waren früher. „Ey, Bock zu Mcess zu fahren?“ -“Kloar! Wann biste hier?“

Auch in Ländern, in denen es massenhaft geiles Essen gibt, kommt man nicht drum herum

Auch in Ländern, in denen es massenhaft geiles Essen gibt, kommt man nicht drum herum

Im Nachhinein betrachtet halte ich es meinen Eltern jedenfalls zu Gute, dass derartige Exkurse in die Welt der Plastikernährung die Ausnahme geblieben sind, quasi Kollateralschäden eines Mittelwegs zwischen Verbot und Laissez-faire. Zwar kann ich nicht behaupten, dass die Kochkünste meiner Mutter immer eine geschmackliche Erleuchtung gewesen sind, wenn ich aber daran denke, wie einer meiner damaligen Mitschüler regelmäßig seinen aus Schokoriegel und Brause bestehenden Pausensnack auspackte, dann bin ich schon für den Versuch dankbar. Klar, es umgab uns alle irgendwie auch der Neid beim Anblick von den süßen Sachen, aber wenn es sein musste, dann wurde halt mal ein bisschen Taschengeld geopfert für ein Snickers vom Büdchen. Schließlich waren wir Kinder, was bedeutet, dass der- oder diejenige mit dem Frischkäse-Radieschen-Schwarzbrot aus der Tupperdose es nicht unbedingt immer leicht hatte. Zwischenmenschlich gesehen. Aber irgendwann werden wir alle älter, und man sieht ein, dass der selbstverständliche Umgang mit auf Dauer schädlichen Lebensmitteln nunmal eine Pfadabhängigkeit schafft, die nicht mehr so leicht rückgängig zu machen ist.

Zum Glück wurde ich nie mit absoluten Verboten maltretiert, denn dadurch hätten die verbannten Früchte aus der Convenient-Welt erst Recht an Strahlkraft zugenommen, schätze ich. Das ist aber auch so ziemlich die einzige Weisheit in Bezug auf die Ernährung von Kindern, derer ich mir glaube, sicher zu sein. Dazu nehmen junge Erwachsene auch viel zu häufig ein ausgeprägtes Reaktanzverhalten ein, um sich möglichst weit von den Einstellungen und Verhaltensweisen der eigenen Eltern zu distanzieren. Dieser Graben wird wohl umso geringer, umso mehr sich die Erziehung in der Mitte zwischen diktatorischem Zwang und völliger Gleichgültigkeit ansiedelt.

Trotzdem ist die Unsicherheit darüber, was gesund ist und was nicht, wo ein Auge zugedrückt werden kann und wo lieber nicht, enorm. Vor allem, wenn einem die Werbung vorgaukelt, ihr Produkt sei durch „extra Calcium“ super für das Wachstum und die Extra-Portion Vitamin C mache das angepriesene Getränk zum unverzichtbaren Bestandteil einer verantwortungsvollen Ernährung. Man könnte sich natürlich auch auf die anderen Zutaten konzentrieren: „Mit 50% Zuckeranteil. Damit ihrem Sohnemann schon bald die Zähne abfaulen.“ Oder: „Diabetes leicht gemacht!“ Oder: „Mit reichlich Konservierungsstoffen, deren Auswirkungen wir nicht kennen.“

echte Früchte!

echte Früchte!

Dabei wird Eltern auch noch zusätzlich das Leben schwer gemacht, indem Unternehmen gezielt bei Kindern für ihre süße Plörre werben. Nicht nur sind Kinder für solche Manipulationsversuche besonders empfänglich, sie finden zudem nunmal Nahrungsmittel umso toller, je süßer sie sind. Wehe, jemand kam beim St.-Martins-Umzug auf die Idee, als Belohnung für meine schicke Laterne und hochklassige Gesangsperformance Mandarinen in meine Tüten zu packen. Wie doof war das denn?! Süßkram musste es sein. Da lasse ich mir natürlich auch gerne einreden, dass das zusätzlich gesund sein soll. Mama und Papa bleibt da nur die Rolle des Spaßverderbers: „Nein, jetzt nicht! Nein, das ist ungesund! Nein, es gab doch erst gestern Schokolade!“ Na und?!

Achso, vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich (noch) gar keine Kinder habe, aber ich stelle mir das schon fies vor. Das heißt nicht, dass den Erziehungsberechtigten die Verantwortung abgenommen werden soll, ihre Schützlinge auf die Tücken der (Ernährungs-)Welt vorzubereiten, aber mit weniger dreisten Ablenkungsmanövern und Störfeuern durch die Lebensmittelindustrie wäre es durchaus leichter.

Heute koche übrigens ich für meine Eltern, wenn ich zu Besuch in der alten Heimat bin. Dabei schnapp ich mir meistens erstmal die ganzen eingefrorenen Reste aus dem Tiefkühler (einfrieren ist in dieser Generation ein Hobby, oder?!) und improvisiere. Anfänglich sorgte es noch für Verwirrung, wenn ich die Gewürzmühle auf den Tisch gestellt und mehr als 4 Zutaten im Essen verarbeitet habe, aber mittlerweile entfalten sich auch für meine Eltern neue Geschmackswelten jenseits von zu Brei gekochten ungesalzenen Nudeln und tiefgekühltem Frühlingsgemüsemix. Aber hey, da waren immerhin jene Nährstoffe drin, die ich zum Spielen benötigte und die ich nicht bekommen hätte, wenn ich mir für 5 Mark was geholt hätte. Das wäre wahrscheinlich ziemlicher Scheißdreck gewesen. Und Scheißdreck sollte die Ausnahme bleiben.

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One response »

  1. >> wie einer meiner damaligen Mitschüler regelmäßig seinen aus Schokoriegel und Brause bestehenden Pausensnack auspackte

    Auja, ich erinnere mich auch noch an einen Mitschüler aus der Grundschule, der in der Großen Pause erstmal ‘ne ganze Rolle Pringels weginhalierte. Und das täglich. Selbst als Kind fand ich das ziemlich ungesund.

    Reply

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