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Category Archives: Es geht den Bach runter

Zum-Haare-raufende Entwicklungen unserer Gesellschaft

Abgehängt – Schicksalsjahre eines besorgten Bürgers

Die neofaschistische Bewegung in Europa und den USA (und Russland, und der Türkei, und und und) ist so gruselig stark, dass ich mir ernsthaft Sorgen mache, dass der nächste Krieg doch schneller kommt als dass uns der Klimawandel die Küsten absaufen lässt.

Rede ich vom Rechtspopulismus auf der Überholspur? Ja gewiss, aber „populistisch“ hat als Kampfbegriff längst seine Wirksamkeit durch überproportionale Verwendung eingebüßt, wohingegen „neofaschistisch“ den ideologischen Kern der aktuellen politischen Stimmung besser beschreibt. Ich vermisse ja schon fast die Eurokritik, die war vergleichsweise drollig mit ihrer Kritik am Teuro und dem Wunsch nach der guten alten Reichs- äh Deutschmark. Populistisch ist z.B. auch unser Innenminister, der durch mehr Überwachung und höhere Mindeststrafen die Kriminalitätsstatistiken senken will. Man könnte es auch Symbolpolitik nennen.

Mittlerweile beherrscht jedoch fast ausschließlich das Narrativ nationaler Abschottung und die Hierarchisierung gedachter völkischer Entitäten den politischen Diskurs. Blanke Verachtung, Hass, Spott und Gewaltbereitschaft als Mittel gegen materielle und identitäre Verlustängste.

Naja, soviel nur zur Begrifflichkeit. Aber fühlt sich schon gleich anders an, ne? Wenn man dat Kind beim Namen nennt…

Was mich eigentlich interessiert ist die Frage nach den Ursachen dieser fortwachsenden Entsolidarisierung. Ich kann jetzt schon sagen, dass ich da natürlich keine zufriedenstellende Antwort drauf hab und mir Allzweckerklärungswaffen wie Neoliberalismus, korrupte Einheitsregierung, oder trauriger Zustand der SPD nicht reichen.

Aber ich habe mir immerhin ein paar Gedanken zu zwei Ansätzen gemacht, die im politischen Diskurs immer mal wieder als Erklärungsmuster angeführt werden. Das ist zum einen ein kommunikationstheoretischer Blickwinkel auf die sogenannte Filterblase, und zum anderen die – Obacht, ich präsentiere hier einen zukünftigen Buchtitel: – die Rache der Abgehängten.

Bubble Trouble

Wir stecken in einer digitalen Echokammer fest. Wie wir reinrufen, so schallt es raus. Das ist die gängige Hypothese, die auf der Annahme beruht, dass die Nutzung sozialer Medien lediglich die eigene Meinung festigt, da abweichende Meinungen einen kaum erreichen. Wir teilen mit unseren Freunden vornehmlich ein gemeinsames Weltbild, bekommen dadurch auch stets nur Meldungen zu sehen, die dieses Bild festigen. Dazu kommen im Hintergrund arbeitende automatisierte Algorithmen, die uns Beiträge anzeigen, die wir vermutlich liken würden, weil wir ihnen zustimmen.

Ich fand diese These immer recht schlüssig. Aber dann stelle ich mir vor: Ein Nazi in einem kleinen Nazidorf mit seinen Nazifreunden, ohne Internet. Dieses arme Ding hat überhaupt keinen Zugang zu auch nur irgendeiner anderen Art von Sichtweise auf die Welt. Umgeben von immer den gleichen Leuten mit den immer gleichen Ideen, da dringt nix vor. Das Internet nun bietet zumindest die theoretische Möglichkeit, mal was anderes zu sehen. Schon klar, dass Menschen mit einer sehr gefestigten Weltanschauung generell sehr unflexibel sind was ihr Wertesystem betrifft. Aber beruhten nicht schon immer unsere Einstellungen und Werte auf unserer physikalisch erlebbaren peer group? Familie, Freunde? So schnell drängte sich da auch keine alternative Sichtweise auf die Welt rein. Insofern würde ich jetzt mal behaupten, dass uns soziale Medien trotz aller selbstreferentiellen Verstärkungsmechnismen immer noch einen Pool an erfahrbaren Deutungsmustern anbietet, durch den – wenn man schon nicht aktiv sucht – doch hin und wieder mal eine alternative Meldung zu einem durchdringt.

Wenn die sogenannte Filterblase hinsichtlich ihres Einflusses auf die politische Meinungsbildung also nicht überschätzt werden sollte, so hat hingegen die Form der Online Kommunikation und die Aufmerksamkeitslogik des flüchtigen Mediums im Allgemeinen die Art und Weise des Meinungsbildungsprozesses verändert. Ein Kommentar zu irgendeinem Thema ist schnell verfasst und in Umlauf gebracht. Oftmals dient solch ein Statement als Ventil, um seinen Emotionen Luft zu verschaffen, vielleicht hat man auch mal Bock, nach drei Weizen (keine Anspielung auf Waldi) seinen geistigen Wurstsalat in den Äther zu drücken. Irgendwer wird drauf anspringen und schon haben wir nen weiteren Strang babylonisches Rauschen, dem letztlich von einigen jedoch Bedeutung zugemessen wird. Langsam aber sicher rotten sich Gleichgesinnte zusammen und mit der Gewissheit, dass man mit seinen kruden Ansichten nicht alleine dasteht, werden undifferenzierte (ja, zuweil populistische) „Meinungen“ ständig aufs Neue hinausgeblökt, natürlich mit dem Anspruch, die einzig wahre Wahrheit auszusprechen. So entpuppt sich die Demokratisierung der Produktionsmittel als Werkzeug der Lautesten. Eine Art Gruppen-Trollerei, die alles niederschreit und, ohne den Filter unmittelbarer sozialer Verantwortlichkeit getätigter Aussagen, den politischen Diskurs vergiftet. (Dass mitnichten jeder Schreihals im Netz ein minderbemittelter Asi ist, lässt sich anekdotenhaft z.B. bei Falter Redakteur Florian Klenk nachlesen, der den Verfasser eines persönlichen Hasskommentars gegen seine Person persönlich besucht.)

So manifestiert sich eine Diskussionskultur, die sich scheinbar Stück für Stück auf die Straße überträgt. Sagbar ist plötzlich vieles: rassistische Kackscheiße ebenso wie die behämmertsten Verschwörungstheorien oder der offene Aufruf zu Gewalt. Plötzlich unterschiedet sich die Straße gar nicht mal mehr so sehr vom Online-Forum. Hat ja scheinbar keine Konsequenzen, wenn ich inhaltsleere Scheiße verbreite, im Gegenteil, irgendwer findet sich schon, der mich darin bestärkt. Und vielleicht gibt’s da draußen ja noch mehr davon. Fehlt nur noch die Partei, die dem ganzen Gesuder einen seriösen Anstrich verpasst (Na, wisst ihr welche ich meine).

Jene Parallelweltbewohner haben bereits das Vertrauen in die Lügenpresse verloren. Alles was nicht ihrer Meinung entspricht, muss falsch sein, gar hinterhältig gelogen. Festes Weltbild? Aber hallo.

Journalisten haben der klassischen Nachrichtenwerttheorie folgend eine Gatekeeper Funktion, d.h. sie filtern Nachrichten nach bestimmten Faktoren. Über diese Kriterien lässt sich trefflich streiten, und die BILD Zeitung verfolgt da durchaus andere als die Süddeutsche, aber immerhin unterwerfen sich die Massenmedien weitestgehend dem demokratischen Prinzip des Pluralismus, welcher eben mehrere Meinungen zulässt und nicht bloß eine. Und sie ballern eben nicht gleich den ersten Schwachsinn raus, der ihnen in den Sinn kommt weil sich damit mächtig auf die Tränendrüse drücken lässt (ok, da muss ich die BILD dann doch rausnehmen, die war ein blödes Beispiel, die is einfach Dreck). Gezielte Propaganda, verharmlosend als Fake-News bezeichnet, ist nicht jedem gleich als solche erkennbar, und schwuppdiwupp surfen alle auf der Empörungswelle ein Stückchen mit, bis sich herausstellt: Ach nee, stimmte ja alles gar nicht. Aber da ist der Schaden schon angerichtet. Und einige nicht ganz so Scharfsinnige kommen nie auf den Trichter. Soll ja immer noch Leute geben (HC Strache), die Satireseiten (der Postillon) für bare Münze nehmen.

Der deliberative Wert der persönlichen Filterblase ist also eher zu vernachlässigen, aber die hochgradig emotionale Logik und Kurzzeitigkeit der Kommunikation hat womöglich Auswirkungen auf die Art und Weise wie außerhalb der sozialen Medien miteinander diskutiert wird. Und da scheint Hate Speech verdammt hip geworden zu sein.

Killer Elite

Da es so schön in monokausale und einfache Erklärmuster passt, wird die Ablehnung einer wie auch immer gearteten Elite zu einer verbindenden Komponente des Protests. Daraus wurden gleich zwei Thesen geschnitzt, die in ihrer Ambivalenz kaum zu überbieten sind.

Erstens: Der abgehängte Modernisierungsverlierer fällt dem Rechtspopulismus anheim, da die Globalisierung einfach so globalisiert ohne ihn zu fragen. Zweitens: Die abgehobene linksliberale Strömung unserer Gesellschaft ist selber Schuld an dem Katzenjammer, da sie die Sorgen dieser Abgehängten einfach nicht ernst nimmt.

Also zumindest die erste These kann man doch getrost in die Tonne kloppen. Wenn man sich anschaut wer Trump gewählt hat oder die AfD, muss leider feststellen, dass sich da nicht das Prekariat versammelt (höchstens das Geistige), sondern solide Mittelschicht, für die Armut nicht mehr ist als ein Begriff. Die wollen gegen das Establishment sein? Also bitte, mehr Establishment geht ja kaum, Amerika als Realsatire: Finanzminister = Goldman Sachs Manager, Millardäre im Kabinett, ein Immobilien-Tycoon und Steuervermeider als Präsident. Wenn die Wähler es jemandem gezeigt haben, dann höchstens sich selbst. Glückwunsch!

Es scheint zum menschlichen Reflex zu gehören, bei subjektiv wahrgenommener Unsicherheit und drohendem Kontrollverlust auf sämtliche Einsichten einen dicken Haufen zu setzen und die niemals verhallenden Rufe nach mehr Nationalstaat, Volk und Autorität zu reaktivieren. Komplexität reduzieren. Sündenböcke erschaffen bzw. sich welche von jenen präsentieren lassen, die von der gesellschaftlichen Entwicklung als die Wenigen profitieren. Wenn die Dagobert Ducks dieser Welt ihren Speicher füllen zu Ungunsten der malochenden Masse, werden sie den wachsenden Unmut dieses siffigen Mobs sicher nicht durch Zugeständnisse beschwichtigen, sondern ihr einen Prügelknaben vorsetzen, auf den dann munter gemeinsam eingedroschen werden kann. Die Flüchtlings-Pinata, ein Spaß für die ganze Familie.

Bei der zweiten These tu ich mich schon schwerer. Ich bin wirklich kurz davor, mir selbst Vorwürfe zu machen, in meiner linksliberalen Denke zu verharren und Leuten, die den neoliberalen wohlstandschauvinistischen Quatsch nachplappern, den gesunden Menschenverstand abzusprechen. Und ich kann auch total die Abneigung verstehen, wenn Menschen bei bestimmten Reizwörtern gleich ohne weitere Nachfrage als per se Rechts abgestempelt werden. Ausgrenzung und Ignoranz haben nämlich leider den destruktiven Effekt eines trotzigen Reaktanz-Verhaltens, das mit der Festigung der randständigen Position einhergeht samt Erschaffung einer eingebildeten Opferrolle, die dann auch durch und durch real werden kann wenn die Etablierten dieses Narrativ weiter fleißig füttern. Ich habe schonmal angedeutet, dass ich mir selbst ankreiden muss, nicht selten die argumentative Konfrontation zu meiden, weil ich keinen Bock drauf hab. Aber muss man einer ganzen gesellschaftlichen Teilschicht eine Schuld zuweisen, die durch vermeintliche Arroganz begründet ist? Am Ende des Tages bin immer noch ich als Individuum dafür verantwortlich, ob ich ein Kreuz hinter eine menschenverachtende faschistoide hetzerische Partei setze oder nicht. Allein ich bin dafür verantwortlich. Ich, meine Erziehung und mein freies Denken, welches mich dazu befähigt, Verantwortung zu übernehmen. Zivilisation und so, war da nicht was? Dieses Argument ist letztlich natürlich ziemlich universell einsetzbar. Haben wir den Trump Salat nun wegen Big Data, fragen alle? Ich würde dann sagen: Naja, wir haben ihn, weil so viele Hirnlose ihn gewählt haben, so einfach ist das.

Nur weil ich das politische System nicht zur Gänze durchblicke, rufe ich nach einem starken Führer, der mit harter Hand durchgreift und den Laden mal richtig aufräumt? Hm, Parallelen in unserer Geschichte sind da leider unverkennbar. Es geht noch weiter. Intellektuellenfeindlichkeit, dieser Tage auch ganz groß. Wie oft wird über dahergelaufene Wissenschaftler in ihren Elfenbeintürmen abgeschrotzt, die angeblich nichts von den Problemen des kleinen Mannes verstünden. Akademiker sind wieder grundsätzlich verpönt. Was wissen die schon?!

Apropos, bin ich dann eigentlich auch Elite? Ich hab ja nen akademischen Abschluss. Prekär leb ich trotzdem, schon immer irgendwie. Im Grunde bin ich sogar ein richtiger Verlierer, der so an der Grenze von Sozialamt und Nebenjob mäandert. Andersrum hab ich Freunde, die sind Schulabbrecher und verdienen ganz gut. Und auch die sind trotz allem mündige reflektierte Individuen. Wer isn jetz eigentlich diese Elite, die an die Wand gestellt gehört?

Survival of the loudest

Was als „postfaktisch“ durch die Medien geistert und als gegenwärtiges Erfolgskonzept politischer Vortänzer beschrieben wird, könnte man auch das Recht des Lautesten nennen. Frei nach dem Programm der PARTEI: Inhalte überwinden. Hauptsache, man reißt die Schnauze ganz weit auf und schon heißts: Endlich traut sich jemand, es auszusprechen. Und ich frag mich immer: Was denn eigentlich? Dass der Islam die Weltherrschaft anstrebt? Frauen gerne vaginal betastet werden wollen? Chemtrails Pickel verursachen?

Weils so absurd ist, muss es schon stimmen. Anstatt die Fehler im System zu suchen, wird das ganze System verdammt, als hätte es die zwei Weltkriege nie gegeben und 70 relativ friedliche Jahre danach. Das Parteiensystem ist träge, ohne Zweifel, und scheinbar auch nicht sonderlich adaptionsfähig. Aber aus Ablehnung vieler scheiß Entwicklungen etwas zu befeuern, was die größte Scheiße von allem ist, kann ja wohl nicht die Lösung sein. Daher sollte man sich auch nicht diesem Haufen Scheiße hinwenden und sie weniger stinken lassen, indem man ein bisschen Parfüm drauf sprüht, sondern die Scheiße ein für alle mal wegräumen.

Aber genug der Scheiße-Analogien, auch wenn große Scheiße als Fazit durchaus herhalten würde.

Obwohl, einmal Scheiße hab ich noch: Bevor der Mensch nicht bis zum Hals in der Scheiße steckt, ändert sich nix. Das eignet sich gut als Schlusssatz, da ich nach wie vor zum zerreißen gespannt bin, aus welchen Gründen wir uns zuerst die Köpfe einschlagen werden: Klimafolgen oder Faschoregime. Insgeheim hoffe ich ja, die Flut holt mich.

Extremist ist, wer extrem ist?!

Der Blog sollte eigentlich witzig sein. Hab ich ne Zeit lang geschafft und es wird sicher auch mal wieder was zu lachen geben, aber momentan ist mir irgendwie nich so lustich trallala zumute. Mir stößt da was auf in letzter Zeit.

Als Antwort auf den Einheitsbericht der Bundesregierung, der wachsenden Rechtsextremismus im Osten als Gefahr darstellt, fällt den politischen Vorturnern erstmal nix besseres ein, über einseitige Thematisierung und Ostbashing zu jammern. Wie kann man sich als Opfer einseitiger Berichterstattung hinstellen, wo einem das Problem doch quasi ins Gesicht springt? Kein „ostdeutsches Problem“? Mag ja sein, dass auf Grund der dünnbesiedelten Landstriche die Quote rechter Gewalttaten vergleichsweise hoch ist im Gegensatz zum bevölkerungsreicheren Westen. Machts das besser? Ja wohl kaum. Im Gegenteil. Dass sich in der Walachei soviel Gesocks tummelt obwohl es kaum Fremde dort gibt, machts doch eher schlimmer. Solange das nicht eindeutig angesprochen und kritisiert wird, findet auch keine wirkliche Aufarbeitung und vernünftige Ursachenbekämpfung statt.

Ständig wird relativiert, das nervt so dermaßen. Als hätte es nie den NSU gegeben. Aber ist doch nicht alles schlecht hier, sagen die, die gerne die Augen verschließen würden. Nein, nicht alles, aber die schiere Menge rassistischer Asozialer schon. Kann man ruhig mal konstatieren. Gibt auch viele Seen in Brandenburg. Und viel Wald in Sachsen. Und eben viele Nazis. Die gerne mal was anzünden oder zuschlagen. Punkt.

Und hat Herr de Maiziére nicht auch was von linker Gewalt gefaselt, um völlig unnötig vom eigentlichen Problem abzulenken? Das wird ja ganz gerne mal gemacht. Noch eine Strategie der Relativierung. Und obendrauf, zur weiteren Relativierung der Relativierung, der Hinweis, linksextremistische Taten nicht zu verharmlosen. Was bitte? Das brennende Polizeiauto soll so schlimm sein wie das brennende Flüchtlingsheim? Sachbeschädigung gleich versuchter Mord? Ein vermummter schwarzer Block, der gegen das System anschreit, gleich ein hasserfüllter Mob, der ankommenden Geflüchteten Hasstiraden ins Gesicht brüllt? Fliegende Pflastersteine gegen gepanzerte Polizisten gleich Eindreschen auf Wehrlose anderer Hautfarbe?

Warum diese geschmacklosen Vergleiche? Sie sind ein Plädoyer für Verharmlosung! Ich bin tatsächlich Pro Verharmlosung linksextremistischer Gewalt. Würde ich es nicht tun, würde ich rechtsextremistische Gewalt verharmlosen.

Jaja, is klar. Nein, ich bin kein Polizistenhasser und ich raffe auch nicht, warum diese herhalten müssen als Feindbild von Autonomen und Krawallmachern. Ich bin nicht so der ACAB Typ, einfache Lösungen und Generalisierungen sind mir nämlich zuwider. Ehrlich gesagt hab ich mich noch nie im Leben geprügelt, ich verabscheue das.

Den Extremismus Begriff auf beide Seiten gleichermaßen anzuwenden, ist jedoch mindestens irreführend. Zumdindest sollte man sich mal die Skala ansehen, dessen äußerste Pole eben jene „Extreme“ bilden. Muss ich wirklich ans Ende der Skala wandern, um antidemokratische Einstellungen und Verhaltensweisen zu finden? Hört man sich an, was manch eine(r) sagt, aus Parteien der vermeintlichen „Mitte“ oder der salonfähig gewordenen Rotzbrühe von AfD, dann stellt man recht schnell fest: Nein! Nicht umsonst weist die Bundeszentrale für politische Bildung darauf hin: „Dass die Mitte, die als Gegenpol zu „extremus“ als nah, harmlos, gut oder respektiert verstanden wird, kann bezweifelt werden, wenn man sich erinnert, dass aus der Mitte der deutschen Gesellschaft heraus seinerzeit der Faschismus groß geworden ist.“

Üble Erkenntnis, oder? Donald Trump ist ein Faschist unserer Zeit, doch scheinbar findet sich die Hälfte der US-Amerikaner von ihm angezogen, obwohl man niederträchtiger kaum sein kann. Orban und Ungarn, die Rechtskonservativen in Polen, Erdogan und seine untertänige Türkei, lupenreiner Zar ..äh.. Demokrat Putin … is euch auch schon schlecht? Alle mit absoluter Mehrheit wohlgemerkt. Da rücken ganze Nationen mit einem riesen Satz nach rechts, und wir machen gleich mit, weils so schön ist. Da soll mir nochmal einer ernsthaft mit Linksextremismus kommen.

Politikwissenschaftler Klaus Schroeder, dessen Lehrbetrieb ich als Student selbst beiwohnen durfte, findet, dass linke Gewalt gesellschaftlich verklärt wird. Futter für alle „Ich bin ja nicht rechts, aber…“ Dummschwätzer. Er führt Statistiken an, dass die Zahl der Körperverletzungen auf beiden Seiten, rechts wie links, ähnlich hoch sei, was gleichsam den Mythos, linksextremistische Gewalt richte sich vornehmlich gegen Sachen, entkräften soll.

Zahlen alleine reichen mir aber nicht, um linke Gewalt du dämonisieren. Das Grundproblem liegt doch auf einer anderen Ebene, einer ethischen, einer der Werte und Menschlichkeit. Ich muss doch Stellung beziehen und sagen können, dass mir Rechtsextremismus, ungeachtet aller Zahlen, schlicht und ergreifend mehr Angst macht als jener von links. Die ganze Gesellschaft sollte ihn fürchten. Wenn auf Krawall gebürstete Linksautonome Scheiben von Luxusshops und Banken einwerfen, ist das zwar ziemlich panne, aber ich kann darin immer noch mehr Gesellschaftskritik erkennen als bei jenen, die „Wir sind das Volk“ johlen. Die haben zwar nix materielles kaputt gemacht, aber die sozialen Schäden sind viel verheerender. Unser ethisches Grundgefüge is völlig im Arsch. Ich brauch gar kein brennendes Flüchtlingsheim, um das zu erkennen.

Schaut man sich einmal die Definitionskriterien „politisch motivierter Kriminalität“ (PMK) beider Seiten genauer an, dann erkenne ich auch hier einen Maßstab, der in seinen destruktiven Auswirkungen auf das gesellschaftliche Miteinander unterschiedliche Qualität besitzt. In PMK-rechts werden Menschen eingeordnet, die rassistische, nationalistische und sozialdarwinistische Einstellungen an den Tag legen. PMK von links liegt vor, wenn sich die Täter irgendwie einer „linken Orientierung“ zuordnen lassen. Seriously? Ich find das ehrlich gesagt ganz schön dünn und hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Nehmen wir doch die erste Definition nochmal her und rekapitulieren, was für Aussagen tagtäglich in unserer neuen Shootingstar Partei AfD so kursieren. Da brauch doch nur wer die Fresse aufmachen und der Grundstein für rechte Gewalt ist gelegt. Unsere besorgten Bürger sollten UNS Angst machen. Hier werden fleißig weiter die Samen gestreut, die Hass befördern und Menschenverachtung legitimieren. Dagegen macht mir der stumpfsinnige Otto, der die Sparkasse an der Ecke demoliert, wirklich keine Angst.

Ja, ich polemisiere, und mit wissenschaftlicher Auseinandersetzung hat das auch nicht viel zu tun. Ist mir klar, es geht mir auch mehr um eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung, die die Anwendung des „Extremismus“ Begriffs den tatsächlichen Gegebenheiten anpassen sollte. Wenn die Mitte schon rechts ist, wo befindet man sich dann als Linker?

Haten is erlaubt, gibt ja jetz die AfD.

Heute schon Kommentare im Internet gelesen? Wo es auch nur ansatzweise um Politik geht? Verliert man gleich die Beherrschung, ne? Jeder hat ne einfache Lösung parat. Und nen Schuldigen, der an die Wand gestellt gehört. Zum Schluss dann noch drauf hinweisen, dass man AfD wählt, weil die endlich mal aufräumen in der Politik. Protest! Macht mir einerseits Hoffnung, dass das Protestpotential großer Teil des Erfolgs und vergänglich ist, sobald auch sie scheitern oder im System angekommen sind (oder die Macht ergriffen haben). Dass es jedoch keine wirkliche Alternative schafft, Erfolg zu haben, ganz ohne faschistoiden Nonsense und mittelalterliche Ideen, betrübt mich.

Man, und wie die AfD gepriesen wird… als frischer Wind in der Parteienlandschaft. Gegen die Etablierten! Wo genau liegt der Unterschied zur CSU? Alte Männer mit alten Ideen, und ein paar karrieregeile Flitzpiepen. Das ist nicht neu, das ist stinkkonservativ, realitätsverweigernd und rückwärtsgewandt.

Der einzige Unterschied, den ich erkenne, ist die Verschiebung des Sagbaren. Haten ist plötzlich salonfähig. Rassistische Kackscheiße von sich zu geben, ist plötzlich politischer Widerstand. Hatten wir das nicht schonmal? Wenn man sich die Zusammensetzung der AfD ansieht, mit all den zusammengekehrten Resten vom rechten Rand, die eine neue Heimat gefunden haben, verwirrten Seelen, die glauben, in die Vergangenheit zurückkehren zu können und ein paar bankrotten Jungspunden, die mal einen auf dicke Hose machen wollen (hier ist der Unterschied zu den anderen Parteien wahrscheinlich am kleinsten), dann sollte man eigentlich erkennen, dass die „Alternative“ grau, trist und ängstlich ist.

Die Tatsache, dass jetzt auch die allerletzten Kellerkinder ans Tageslicht kommen und laut rumkrakelen, lässt uns zumindest erkennen, wie der bisher politisch apathische Rest im Inneren tickt. Ich bin versucht zu sagen: Wär der Nichtwähler lieber Nichtwähler geblieben. Aber immerhin wissen wir jetzt, welche Denke in der Mitte unserer Bevölkerung vorherrscht. Und jetz dürfen sie es endlich auch mal verbalisieren, und zwar ohne Hemmungen, denn es gibt ja das Internet als Instrument dafür. Anstandsregeln sozialer Interaktion sind außer Kraft gesetzt. Aber hey, so bekommen wir endlich mit, wie weit unsere gesellschaftspolitische Aufklärung tatsächlich fortgeschritten ist. Nicht besonders weit, würd ich sagen.

Ich will aber hier nicht den Eindruck vermitteln, dass die Schuld nur bei den einfach gestrickten Otto-Normal-Hinz-und-Kunzes aus Bauernhausen liegt und den Rattenfängern, die ihnen aus der schwarzen Seele sprechen. Natürlich hat die Politik Schuld. Nicht nur die deutsche, sondern die globale, die nach ihrem Paradigma der (leider nicht so freien und unabhängig funktionierenden) Marktwirtschaft so so viele Menschen abhängen ließ. Jaja, man kanns nicht mehr hören, aber es is eben so, und zudem der Hauptgrund für die ganze Scheiße: Die Arm-Reich-Schere klafft auseinander, die Mittelschicht rutscht ab, jeder kämpft um ein kleines Stück vom Kuchen, während die Reichen gar nicht wissen, wohin mit der Kohle, Hauptsache irgendwo, wo man nicht dran kommt.

Ich dachte ja mit Veröffentlichung der Panama Papers: Jetzt isses endlich soweit. Wir alle kriegen es auf dem Silbertablett serviert, wie abartig korrupt unser ganzes System ist. Selbst der letzte muss es nun kapieren. Jetzt muss was unternommen werden! Wie naiv von mir. Stattdessen erhöht Herr Schäuble das Kindergeld um 2 Euro. Das ändert alles.

Und die Diskussionen auf lokaler Ebene drehen sich wieder nur um den eigenen Vorgarten. Die schwarzen Drogendealer ausm Görli gehören „ausgemerzt“, die „linken Terroristen“ von der Rigaer Straße „ausgerottet“. Die kriegerische Sprache ist zurück, einfache Lösungen werden bevorzugt. Viele wünschen sich einen starken Führer mit eiserner Hand, der für Ordnung sorgt. Na wunderbar. Demokratie is halt scheiße, weil so viele Menschen anderer Ansicht sind, aber doch nur die eigene zählt. Denn schließlich könnte ja auch mein eigenes Auto irgendwann brennen, oder ein Flüchtlingsheim in meiner Nachbarschaft errichtet werden. Nee, lass ma! Die eigene Komfortzone, da darf bitte keiner dran rütteln. Und wenn doch: Volksverräter, Deutschlandhasser, Terrorist, Gutmensch!

Die Widersprüche gehen durch jeden einzelnen, aber reflektieren tun es eben nur die wenigsten. Finanzindustrie bluten lassen! Aber meinen Pensionsfonds, der auf faulen Immobilienkrediten basiert, nicht anfassen! Widerstand leisten! Aber wenn ich mit meinem Auto stecken bleibe wegen so ner blöden Demo schon wieder… in den Kerker werfen, dieses aufsässige Lumpenpack! Wat, der Ribéry verdient 12 Millionen im Jahr? Da kauf ich mir doch glatt ne Karte fürn Hunni, um den im Stadion mal live zu sehen. Naja, das führt zu weit, aber ihr wisst, was ich meine.

Nochmal zurück zur Sprache. Hört doch endlich auf, jeden Satz relativierend anzufangen mit „Ich bin ja nicht rechts, aber…“ oder „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…“, denn spätestens wenn der Satz so anfängt, endet er im genauen Gegenteil. Wenn jetzt eh alles gesagt werden darf und es auch noch parteipolitisch Gehör findet, dann haut es doch einfach raus. Sonst endet das so glaubwürdig wie hier: “Rudi M. nennt Türken „dreckige Kanaken-Wixxer, die in ihr Eselficker-Land zurückgehen“ müssten. Das solle aber „nicht heißen, dass ich rechts bin“.” Absolut nicht Rudi, du bist einfach nur ein mieses Arschloch mit einem Spatzenhirn, wobei ich den Spatz hier in Schutz nehmen muss, denn sowas würde der nicht von sich geben.

Ich bekomm solche Aussagen in abgeschwächtem Maße auch in meinem entfernten Umfeld mit, wenn ich mal meine Gutmenschen-Filterblase verlasse. Dabei versuche ich, die Hintergründe der Person zu berücksichtigen, und es gibt genug Gründe, die ich nachvollziehen kann, die diese Person zu dieser Denke bewegen. Und letztlich komme ich immer zu dem Schluss, dass es die Sorge um den eigenen Wohlstand ist, die einen umtreibt. Und da man sich immer im nahen Umfeld umschaut, wer wieviel hat, hagelt es eben keine verbale Prügel auf die Superreichen, von denen man selten einen kennt, sondern auf die, denen es noch dreckiger geht. Man kann nicht akzeptieren, dass sie einen ähnlichen Lebensstandard haben sollen, wobei man selber doch so hart dafür arbeiten musste.

Wie gesagt, ich kann das verstehen, aber leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit Argumenten oft sehr wenig erreichen kann, sein Gegenüber eine differenziertere Sichtweise annehmen zu lassen. Vielleicht tut man es ja doch, aber es ist eben nicht sofort erkennbar und es verlangt einem soviel emotionalen und empathischen Aufwand ab. Den bin ich oftmals gar nicht erst bereit zu investieren, muss ich zugeben. Ich flüchte mich in mein möchtegern-intellektuelles Gedankenparadies und denk mir: Bei dir is der Zug doch eh schon abgefahren. My bad!

Argumente sind gegen Emotionen aber eben oft auch machtlos. Warum stimmen sonst Orte im Vereinigten Königreich für den Brexit, obwohl sie größtenteils durch EU-Subventionen am Leben gehalten werden? „Make America – äh Great Britain – great again!“ Und schon wieder in der Vergangenheit geschwelgt.

Wenn die Wahl wirklich nur darin besteht, die unverbesserlichen Hater entweder abfällig und besserwisserisch durch die Blume (oder in your face) zu beleidigen oder gefühlt gegen eine Wand anzureden, wofür soll ich mich entscheiden? Tief im Inneren weiß ich, dass letzteres wünschenswerter wäre, aber es ist so anstrengend und ich will mich nicht in eine Position begeben, in der ich letztlich als naiver links-alternativer Junge hingestellt und belächelt werde. Ist es schlimm, wenn ich mir denke: Du engstirniger verbohrter Kleinbürger raffst es nicht, und du willst es einfach nicht raffen!? Ich halte mich auch komplett aus Online Diskussionen raus, weil ich realistisch genug bin zu wissen, dass es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist und die Mühe nicht wert. Die nächsten 5 nehmen sowieso keinen Bezug drauf, sondern brüllen irgendwas dämliches in den Äther.

Das hat wenig mit Political Correctness zu tun. Mit Political Correctness habe nämlich auch ich ein Problem, denn sie fungiert wie ein Schalldämpfer, oder ein Vorhang, der verbirgt, was viele Leute eigentlich sagen, wenn sie sagen was sie sagen. Nun wird der Begriff an sich ja auch schon längst von unseren rechts-nationalen Alphatierchen gedisst. Diese verwechseln Political Correctness allerdings mit Regeln des Anstands. Der Damm ist gebrochen, unterirdischste Kommentare werden losgetreten und verstärken sich in entsprechenden filterbubbles selbst, bis alle es glauben. Das ist nicht mehr nur nicht PC, sondern total zurückgeblieben und verachtenswert.

Kaum zu glauben, dass ich vor Jahren mal politische Online Kommunikation und Faktoren, die solche Diskurse wahrscheinlicher gelingen lassen, wissenschaftlich untersucht habe. Vergeudete Lebensmüh? Kommt mir grad so vor.

Jetzt wo wir dank Online Kommentarfunktion wissen, wie die Gruppe, die lange Zeit geschwiegen hat, tickt, können wir bitte zurückkehren zu Katzenvideos und Fail-Compilations?

Quickie Impressions

Ich wollte ein Bankkonto eröffnen vor kurzem. Dazu hatte ich mir einen Termin bei Barclays gemacht, einer der größten Finanzinstitute Großbritanniens und eigentlich schon längst kaputt, wenn der Stabilitätspakt es nicht vor dem Untergang gerettet hätte. Als einflussreichstes Unternehmen der Welt gibt man sich aber natürlich nach wie vor nicht mit so belanglosen Kröten wie mir ab.

So eine Bank sieht von innen bisschen aus wie eine hässliche Hotellobby: steril, ungemütlich, und von oben bis unten durchdesignt. Ein überfreundlicher Empfangsmensch erzählt mir: Jaja, kein Problem, wir brauchen nur eine ID und nen Wisch mit meiner Adresse drauf. Na easy, denk ich, läuft.

Der Anzug-Roboter, der mich zu seiner Schreibtisch-Nische führt, beginnt einsilbig: “Sorry for keep you waitin, Mr. Schilling. Follow me, please!” Dabei hab ich noch nicht mal gewartet und ich war früher dran als eigentlich ausgemacht. Aber erstmal Standardphrase runterdreschen. Mit seinem gelangweilten Bubi-Face grabscht er mir alle Unterlagen aus der Hand, die ich mitgebracht habe und fügt beiläufig hinzu, ohne dass es ihn im geringsten interessiert: “Good day?” Dabei glotzt er schon längst wieder kaugummikauend auf seinen Bildschirm, mit sich niemals änderndem bored face. Ich kann seine Empathie förmlich riechen.

Ich habe einen Arbeitsvertrag und eine persönliche Nachricht meines Chefs mitgebracht, was bei allen meinen Kollegen bei allen anderen Banken gereicht hat. “Your employer is not on our list of employers. There is nothing I can do for you.” Bäm, und tschüss. “I’m sorry!” Ja natürlich, trifft ihn sicherlich mitten ins Herz. “Have a good day!” Wollen wir nochmal drüber reden? Oder wie unflexibel seid ihr? Aber ich will eh schon längst da raus.

Sowieso kommt mir die Londoner City mit all seinen gläsernen Hochhäusern, Anzug-Menschen und Shopping-Zombies vor wie ein einziges Krebsgeschwür. Ich stell mir vor, wie von hier aus die halbe Weltwirtschaft in die Tonne getreten wurde. Und das Geschwür wächst immer weiter und weiter. Scheinbar lässt sich inmitten interkultureller Subkulturen und urbaner Anonymität genauso ungeniert die Solidargemeinschaft prellen wie auf karibischen Offshore Inseln, die man auf Anhieb nicht mal auf der Weltkarte finden würde.

Jedoch hat die alte City auch richtig tolle Seiten. Eine Jack the Ripper Walking Tour sollte uns einen Eindruck vom düstereren und verwinkelten Teil der Stadt geben. Und das hat sie auch getan, obwohl der Tourguide die meiste Information nur in seinen Bart genuschelt hat und uns bei eisiger Kälte Ewigkeiten die Themse hat entlang latschen lassen, so dass die Gruppe von 25 Leuten nach kürzester Zeit auf eine Handvoll zusammengeschrumpft war.

Das älteste Pub Londons sollte man aber durchaus mal besucht haben, ein sehr sehr cooles Kellergewölbe auf mehreren Ebenen, wo man sich alle 2 Meter hart die Birne anstoßen kann wenn man nicht aufpasst. Dort ausgestellt in ausgestopfter Form ist ein Papagei, der früher wohl ständig die Gäste beleidigt hat wenn sie reinkamen. Schade, dass der schon tot war, das hätte mich sehr amüsiert.

Die ganzen Pubs laden einen auch wirklich zum Bier trinken ein. Wenn das Gesöff an überdimensionalen Knüppeln ins Glas gepumpt wird, macht mich das immer auch ein bisschen an. Und Cider trinken tu ich neuerdings auch. Wusst nich, dass das so super is. Wie Apfelschorle mit Effekt.

Die englische Kultur hat schon seine herzigen Seiten und ich fühl mich wohl hier. Bloß zu voll hier. Stundenlang durch die Schächte irren, nur um die U-bahn-Linie zu wechseln, und so ne Späße, das wär mir auf Dauer too much. Soviel mal als kleines Update für alle, die es tatsächlich interessiert…

Architektur in Canary Wharf

Architektur in Canary Wharf

Greenwich

Greenwich

Fluss halt

Fluss halt

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Triple Rainbow, all the way!

Island 2014: Ein uninformativer Reisebericht mit halbwegs guten Fotos


 

Schonmal bei 3 Grad Celsius und eisigem Wind gezeltet? Ich auch nicht, bis ich mich spontan entschied, mit zwei Freunden (die sich vorher nicht kannten) diesem Island einen Besuch abzustatten. Das Island, was angeblich boomt. Was das heißt, kann man sich aber im Grunde vorstellen: 10-Tage-Bustour unter Anleitung, mit Übernachtung im 4-Sterne-Hotel, Abenteuer-Exkursionen im beheizten Jeep, und einem Satz langer Unterhosen für die Überraschten („Oh, is ja kalt hier“) wenn man doch mal das Auto verlassen muss.

Meine 2 Wurstköppe von Begleitern

Meine 2 Wurstköppe von Begleitern

Regen oder nich Regen? Das is öfters mal die Frage.

Regen oder nich Regen? Das is öfters mal die Frage.

Für viele ist der Ort aber zugegebenermaßen noch ein Paradies für Experimente und eine gewollte Gelegenheit, den inneren Schweinehund herauszufordern. Für mich bedeutete das durchaus einfach mal, mit 2 Paar Socken, Mütze und Fleece zu campen, am nächsten Morgen bei eisigem Wind möglichst schnell Porridge (gabs jeden Tag) herzustellen und sich dann von der Heizung im Auto langsam wieder auf Temperatur  bringen zu lassen. Ok, wir haben nur die Hälfte der Nächte unserer Woche dort im Zelt verbracht, weil war ja auch Urlaub irgendwie, oder sollte es zumindest sein. Ich fand die Mischung gut, der eine wollte es mehr hardcore, der andere lauschig warm wenn immer es ging. Bei den Preisen dort wird man außerdem nicht nur komfortabstinent, sondern überlegt sich mehrmals ob man denn jetzt unbedingt ein Bier für umgerechnet 7 Euro trinken muss. Also, zumindest hab ich mir das gedacht. Die anderen beiden haben einfach bestellt und sich nachher empört, als wär nur ausgerechnet dort so schweineteuer: “Man, das glaubst du nicht. Das kleine Bier hat 5 Euro gekostet.” – “Doch, glaub ich. Mit ein Grund, warum ichs hab sein lassen.” Ein bisschen back-to-the-roots halt im Endeffekt, auch wenn das nur im Hinblick auf unsere verwöhnt-hedonistische westeuropäische Lebensweise gelten kann, schätz ich.
Irgendwo hatten wir gelesen, die isländische Mentalität gegenüber Touristen ließe sich mit „distanzierter Freundlichkeit“ umschreiben. Fanden wir passend. Auch wenn die erste Interaktion so aussah: Am Flughafen angekommen, geht einer von uns zum Taxifahrer draußen vor der Tür.
„Excuse me, is it possible to pay with Euro? We are not sure if the airport is the right place to change money…“
– „What? You come to Iceland and worry about 2 Euros? Are you going to lose your house now?“
Wo genau is jetz die Freundlichkeit in „distanzierter Freundlichkeit“? Oder die Distanz?
Naja, wir haben dann Geld getauscht und nen anderen Taxifahrer erwischt, der schon mehr Freundlichkeit an den Tag gelegt hat. So freundlich, dass er in suizidal-rücksichtsvoller Weise sogar einer die Straße kreuzenden Katze das Leben gerettet hat durch ein Ausweichmanöver, welches im Gegenzug fast vier erwachsenen Menschen Kopf und Kragen gekostet hätte. Seine Erklärung hatte allerdings was für sich und stieß bei uns auf vollstes Verständnis:
„Yesterday I had my kids in the car and drove over a duck. I never want to have this situation again.“ Wir sind zwar nicht seine Kinder, aber ok, ich mag Menschen die Rücksicht nehmen. Rücksicht is besser als Vorsicht. Nee, andersrum. Nee, auch nicht.
Im Hostel, welches in den allermeisten Fällen wohl eher als Durchgangsstation zum oder vom Flughafen dient („it used to be for people seeking Asylum“), waren wir die einzigen auf weiter Flur, so dass wir den ersten Porridge des Urlaubs richtig zelebrieren konnten, bevor wir den Mietwagen abholten.

Wie inner Werbung. Marke verrat ich aber nich.

Wie inner Werbung. Marke verrat ich aber nich.

Dieser sollte uns gleich am zweiten Tag treue Dienste erweisen als wir über die reudigsten Pisten auf Abraten aller Allradfahrer und ausdrücklichem Verbot der Mietfirma (wie gut, dass meinen Blog niemand liest außer mir selbst) das wunderschöne Wanderparadies Landmannalaugar ansteuerten. Achso, ich will ja der Chronologie halber nix unterschlagen hier: Tag 1 bestand aus dem sogenannten „Goldenen Zirkel“, mit Phingvellir Nationalpark (Aufeinandertreffen der tektonischen Platten, erstes Parlament und Hexenverbrennung und so), Gullfoss Wasserfall (ähnlich viel Wasserdurchlauf wie bei den Niagarafällen, jaja) und Geysir, einem Geysir (und Menschen rund herum, die mit ihrem Finger auf dem Auslöser auf die riesige Ejakulation warten). War ja alles ganz schön, aber richtig toll kann es nirgendwo sein, wo Busladungen an Menschen aus- und wieder einsteigen, man Geld für die Benutzung der Toilette zahlen muss und lächerlich teure Snacks angeboten werden. Obwohl der Wasserfall, der war schon ziemlich geil.

Gullfoss

Gullfoss

Daher zurück zu Landmannalaugar (zum Glück muss ich das Wort nur schreiben und nicht aussprechen. Da hat je nach linguistischer Herkunft ziemliche Narrenfreiheit geherrscht). Berge wie mit buntem Mehl überzogen, Lavawüsten, Moosfelder… und heiße Quellen. Im Tal wartete ein dampfender Fluss, in den man seine von der Wanderung geschundenen Gliedmaßen tauchen konnte und aus dem man eigentlich auch nie wieder raus wollte. Schon auf dem Weg zurück zum Zelt sind mir die Füße einfach eingefroren. Was auch daran gelegen haben könnte, dass ich besonders lässig zurückspaziert bin, um hart zu wirken.

Landmannadingsbums

Landmannadingsbums

Inception: A photographer within a photo of a photographer

Inception: A photographer within a photo of a photographer

Unser internetaffines (freundlich ausgedrückt) Mitglied der Gruppe lotste uns am nächsten Tag (war dann nur noch ein halber Tag nachdem wir unser armes Auto wieder zurück über Stock und Stein peitschen mussten) zu einem Flugzeugwrack aus dem Zweiten Weltkrieg. Am schwarzen steinigen Strand hat es seine letzte Ruhestätte gefunden und wurde zum beschmieren und ausschlachten freigegeben. Trotzdem hatte der Anblick was surreales. Wie inmitten einer Mondwüste tauchte das Wrack plötzlich vor den brechenden Wellen des kalten Atlantiks auf.

Wo immer eine Kamera war, hielt er seine Fresse rein

Wo immer eine Kamera war, hielt er seine Fresse rein

Tag 4 bescherte uns dann einen unverhofften Sonnentag und eine unfassbar spektakuläre Wanderung auf einen der vielen Gletscher: Skaftafell. Was mit einem Spaziergang durch bunte Wiesen begann, endete mit einem steilen Aufstieg auf losem Geröll und durch pappigen Schnee. Ich hab was witziges in das Gästebuch aufm Gipfel geschrieben. Wer demnächst mal da is, kann es dann lesen, ne.

Aufm Weg runter

Aufm Weg runter

Nächstes Highlight: Jokulsalon (flacherweise von uns Friseursalon genannt, denn so wussten wir, dass wir über das gleiche sprechen), der bekannte Gletschersee, der übrigens auch als Drehort für einen Bond-Film hergehalten hat. Da wo Pierce Brosnan mit seinem Aston Martin durch den Eispalast brettert um die Halle Berry vorm Ertrinken zu retten, während der Bösewicht auf seinem Eisgefährt durch die Eisberge braust. Haareraufende Action. Hab ich erst paar Tage nach meiner Reise im ZDF-Montagskino gesehen und gleich wiedererkannt.

Dreckisches altes Eis

Dreckisches altes Eis

Der Eisbergsee markierte zugleich den östlichsten Punkt unserer Reise und von da an machten wir uns wieder auf den Rückweg in Richtung Reykjavik. Über den südlichsten Punkt der Insel, wenn wir schon dabei sind. So ein Kap bzw. ne Küste wie ich sie mir in Irland vorstelle. Ich war zwar noch nie in Irland, aber so muss es da sein: Rau, windig, regnerisch, bisschen grün und auch grau, und viele Felsen. Dort erzählte uns auch eine Frau, um deren Meinung wir eigentlich nicht explizit gebeten hatten, dass ihre Freunde einmal 900 Euro Strafe an die Mietwagenfirma zahlen mussten, nachdem diese per GPS nachvollziehen konnte, welche verbotenen Holperpisten befahren wurden. Nach dieser Info haben wir uns unverzüglich gegenseitig eingeredet, dass unser Gefährt sicherlich nicht im Besitz eines solchen Peilsenders ist. Womit wir glücklicherweise Recht behalten sollten.

Am Skogarfoss, einem ganz und gar eindrucksvollen Wasserfall nächtigten wir schließlich in einem Hostel, wo wir zuerst Kontakt zu einem menschlichen holländischen Wesen in Form einer längeren Konversation aufnahmen und sinnloserweise den Tag mit nem Tom Cruise Blockbuster beendeten. Weils halt möglich war. PayTV.

Da hätte sich Peter André mal drunter stellen sollen

Skogarfoss: Da hätte sich Peter André mal drunter stellen sollen

Die letzte Wanderung am darauffolgenden Tag erforderte uns einiges ab. Ein Stück echtes Abenteuer, als wir zu einer Hütte am Berg marschierten, knietief im Schnee, ohne Plan wie wir eine kleine Schlucht überwinden sollten, da der Schnee den Pfad nicht erkennen ließ. Wir probierten dann unser Glück mit den aufmunternden Worten meines Kumpanen: „Wenn wir das jetzt versuchen, widerspricht das allem, was ich jemals in den Bergen gelernt habe.“ Geil, los! Wir habens geschafft, nervös war ich aber schon. In der Zwischenzeit haben sich Schneesturm und praller Sonnenschein im Minutentakt abgewechselt. Unberechenbar, dieses Island.

Einer der besten Wow-Momente für mich

Einer der besten Wow-Momente für mich

Seht ihr? Keine Spuren vor uns!

Seht ihr? Keine Spuren vor uns!

Meine Fersen sahen danach jedenfalls aus wie fies gefoltert und entstellt, und unsere Wanderschuhe verströmten ein sinnliches Aroma im Auto auf der Fahrt nach Reykjavik, unserer letzten Station. Der letzte Tag hatte dann in etwa folgenden Ablauf: Porridge, klitschnass nach 2 Minuten im Regen, Auto nehmen, 10 Minuten später Auto wieder zurückfahren weil kein Parkplatz gefunden, kein Regen mehr, Museum, die gleiche Straße zum fünften Mal entlang gehen, Kuchen vertilgen, darüber klagen wie teuer alles is, trotzdem wieder delikat speisen, ins Kino gehen, zum Flughafen fahren und Auto irgendwo abstellen („Ihr könnt den Schlüssel einfach stecken lassen“. Aha!).
Mutter Natur hat uns einige neue Dinge gelehrt. Ich glaube, schon die Vikinger haben große Augen gemacht, als ihnen der sturmartige Wind das Pipi in unendliche kleine Partikel zerstäubte. Wie gut, dass es heutzutage Regenhosen gibt, die keine Spuren hinterlassen. Und was gabs noch? Achja: Regenbögen bis zum Erbrechen.

Aha. Soso. Mmh ja!

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Also ich weiß ja nicht, wie es anderen Leuten da geht, aber ich finde die Leserkommentare bei Onlineartikeln oft aufschlussreicher als die Artikel selber. Das Resultat ist zwar meistens das gleiche, und zwar, dass ich irgendwann innerlich zu aufgewühlt bin, um weiter zu lesen. Aber schon auch spannend, wie die Leute so ticken. Zumindest hat jedeR zweite KommentatorIn die Weltformel entdeckt. Alles total einfach eigentlich.

Tut Ihr Euch das auch an? Dann will ich von euch (3-6) Lesern und Leserinnen wissen:

Wenn ich wen vergessen hab, dürft ihr natürlich in den unmoderierten Kommentaren ergänzen und haten, wie sich das gehört.

Das Keifen der Giftzwerge

Mit drei Hefeweizen intus kann man entweder deutsche Bundestrainer interviewen oder sich in ein Online-Diskussionsforum einloggen und seine geistigen Ergüsse preisgeben. Es wird ja immer gerne behauptet, das Niveau solcher Onlinediskurse sei unterste Schublade. Stimmt auch. Oft. Man brauch nich lange suchen und findet Beiträge, die einem das Wasser in die Augen treiben, so unterirdisch sind die.

Guckt einfach mal. Jetzt! Z.B. streiken grad die Piloten. Das riecht doch förmlich nach bescheuerten Kommentaren. Und tatsächlich, einfach mal auf Süddeutsche.de gehen. “tiginius” schreibt empört: “warum können die wildgewordenen Gewerkschaftsbonzen nicht endlich schadensersatzpflichtig gemacht werden für die von ihnen angerichteten Kollateralschäden auf Seiten der unbeteiligten Passagiere???” Ich weiß auch nicht, tiginius. Hoffentlich findet sich wer, der dich für deinen Flug von Frankfurt nach München entschädigt, wo du in die Allianz-Arena gehen wolltest, um mit den 50 Euro für die Eintrittskarte den Spielern des FC Bayern ihr Traumgehalt mitzufinanzieren. Merkst du was? Egal.

“bogenhauser2013” hat absolut gar nix zu tun an einem Freitag, ähnlich wie ich, und antwortet auf jeden noch so dummen Kommentar mit einem noch dümmeren. Da sagt einer, der Streik habe zumindest die positive Wirkung einer kurzfristigen CO2-Reduktion. Einer, der die guten Seiten sieht, is doch nett. bogenhauser meint dazu: “1) Die Vulkane pusten im Durchschnitt jedes Jahr mehr CO2 und Feinstaub aus als der Flugverkehr. 2) Die Straßenbahn an der Cosimastraße ist lauter als die startenden Flugzeuge in der dem Flughafen nahest gelegenen Ortschaft.” Ich wär gern einen Tag lang bogenhauser2013. Being Bogenhauser. Bogenhauser Bogenhauser? Bogenhauser!

Auch ein Blick in die “Welt” lohnt (nie). Dort ist ein Interview mit Hamad Abdel-Samad zu lesen, dem boyfriend von Henryk M. Broder. Themen rund um den “Islam” sind ja eh Garanten für große quantitative und geringe qualitative Beteiligung. “daniel drehmer” hat auf jeden Fall die Dinge durchschaut und die einzig richtige Lösung parat: “Dieses Land wird einfach aufgegeben. Die Identität Deutschlands ist schon jetzt zu 75% weg. Die 100% erreichen wir, wenn wir einen Bundeskanzler aus “…” haben und unsere Staatreligion “…” ist. Ich (1964er) lebe hier mein Leben zu Ende und verweigere dieser Regierung meine Unterstützung wo es geht. Meine Arbeitszeit und damit mein Gehalt habe ich auf 60% runtergeschraubt. Und ich wähle die Alternative.” Viel Stoff drin in dem Kommentar, wenn auch ohne jeglichen Zusammenhang. Wir leben also noch zu 25% in Deutschland, darum sollten wir 40% weniger arbeiten und verdienen? Clever! Die noch tiefgründigeren Kommentare sind leider nicht mehr zu lesen, da ungefähr jeder dritte Kommentar von der Redaktion gesperrt wurde. Und das soll schon was heißen, denn bei der Welt lässt man auch die deppertsten Aussagen durchgehen. Das Dilemma der Meinungsfreiheit.

Also ich glaub, es gäbe noch so einige Beispiele für hirntoten Stuss, wenn man sich noch ein bisschen umsieht in den Foren. Aber jetz kommts: Der Fehlschluss, der daraus gezogen wird, ist der, dass behauptet wird, in der Offline-Welt Kommunikation werde durch soziale Umgangsformen und fehlende Anonymität nicht so viel rumgekeift. Dann möchte ich da kurz einhaken. Vor kurzem erst gabs folgende Situationen:

1) Ich fahre nachts mit dem Rad nach Hause. Vor mir latscht einer bei Rot über die Straße, so dass ich ausweichen muss. Er: “Ähhh, mach ma Licht an, ähhh!” – “Ich hab doch Licht an.” – “Halt die Fresse!”

2) Im Park joggen gewesen. Einer von drei Halbstarken, die da rumlungern: “Du siehst aus wie ein Stück Scheiße mit zwei Augen aufm Tanga.” Ich hab es versucht, mir vorzustellen, aber schwierig. Tanga auf Scheiße?? Seine Fantasie will ich nicht haben.

Deswegen geh ich wahrscheinlich so wenig unter Menschen. Und auch andere, die ich kenne. Also, in Online-Foren wird sowas wenigstens gelöscht. Wer macht das auf der Straße für mich? Ja wohl niemand. Soll mir niemand kommen und sagen, im Internet würde nur Driss gelabert. Da tummelt sich halt nur alle und jeder. Inhaltlich wertlos, aber so isses. Die verbalen Ausfälle zumindest gibt es nur noch im echten Leben. Kann man mit Humor nehmen, tu ich im Netz auch. Anders ist es ja teilweise nicht zu ertragen.