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Monthly Archives: February 2013

Exklusiv: Armutsbericht inkontinent

Der Armutsbericht rotiert ja bekanntlich noch solange durch die „Ressortabstimmung“ unserer geheiligten Führer, bis er sich flockig liest. Ich weiß aber schon, was drin steht. Ich leake. Es läuft so richtig flüssig raus aus mir, es spritzt schon fast aus allen Nähten. Eigentlich weiß ja eh jeder, wie gut es uns allen „Schlechtrednern“ geht, obwohl einem die Realität geradezu permanent gegenteiliges in die Fresse klatscht.

Wir reden uns doch nur arm! In Afrika is man arm. Hier nich. Weil ich meinen Lebensstandard natürlich nicht mit dem meines Nachbarn vergleiche, sondern mit dem eines Wellblechhüttenbewohners in Somalia. Im Gegensatz zu dem geht’s mir doch gut. Wasn Glück. Und ich beschwer mich auch noch. Darf ich bitte bitte für 5 Euro brutto einer mir nicht vertrauten Arbeit in 100km Entfernung nachgehen müssen, da mir sonst Sanktionen drohen? „Jeder, der arbeiten will, findet auch Arbeit.“ Ich würde voll gerne über eine Leiharbeitsfirma angestellt sein, so dass man mich jederzeit rausschmeißen kann, wenn ich nicht pariere. So rechtlos wie die Amazon-Schergen, das wär ein Traum.

Dass Reichtum immer ungleicher verteilt ist, ist nun wirklich ein alter Hut. „Die Reichen werden immer reicher“. Gähn! Dieser Neid immer und überall. Die Reichen halten unsere Wirtschaft am laufen. Sollen die sich mal die Hälfte des Gesamtvermögens aufteilen. Gepriesen sei das Leistungsprinzip! Wer putzt oder Haare schneidet, ist Mensch 2. Klasse. Völlig zurecht. Wir dürfen nicht den Fehler machen und höhere Löhne zahlen, denn das würde unsere Wettbewerbsfähigkeit mindern und das sollte unser gesamtgesellschaftliches Ziel sein. „Exportweltmeister“ hört sich doch schonmal geil an, aber „Lohnzurückhaltung“ wäre für das masochistische deutsche Arbeitstier eine Auszeichnung, huiuiui. Ich will ne Plakette mit Silberband und Gravur: „Ich werde scheiße bezahlt und kann kein Geld für mich arbeiten lassen. Liebt mich!“

Die Lösung ist auf jeden Fall klar: Nicht Arbeit besser entlohnen, sondern Sozialleistungen kürzen, damit die ganzen armen Schweine noch mehr gedemütigt werden, weil sie noch nicht weit genug am Rand unserer Gesellschaft stehen. Die ham eh alle keinen Bock, vor allem nicht die Schmarotzer von außerhalb, die in unsere stolze Nation, für die wir nix können, einfallen und uns die Butter vom Brot abkratzen. Es ist wichtig, dass wir den Fokus auf die Verlierer lenken und da weiterhin immer schön draufschlagen, damit ja keiner auf die Idee kommt, dass der niemals zuvor dermaßen groß gewesene Reichtum ja irgendwo angehäuft sein muss.

Obwohl nein: Halt Stopp! Es ist ja „Krise“. Und in der Krise müssen wir alle “den Gürtel enger schnallen”. So eng, dass wir uns die eigenen Eingeweide rausquetschen und das auch noch gerne tun, weil wir schließlich einsehen müssen, dass „wir über unsere Verhältnisse gelebt haben“. Und „zulasten kommender Generationen“. Ich glaube zwar kaum, dass Äckermäns Kinder und Kindeskinder Not leiden müssen, aber wenn man nur oft genug behauptet, dass Geld verschwindet, wenn man es ausgibt, plappern es schon bald alle nach.

Wie lange geht diese sogenannte Krise eigentlich noch? So lange, bis der Arbeitsmarkt ein einziger Niedriglohnsektor ist? Uhh ja, ein feuchter Traum würde wahr werden. So würden wir jedenfalls „gestärkt aus der Krise hervorgehen“, ein Ziel, auf das wir uns alle was einbilden können, während die Menschen in den Peripherieländern schon jetz im Müll nach Essbarem wühlen. Zum Glück kommt das hier erst bissl später, puh!

Wir haben kein Armutsproblem. Wir dürfen keins haben. Verfüttern wir einfach Pferdefleisch-Lasagnen an Hilfsbedürftige. Wer sich dafür zu schade ist, kann auch nicht arm sein.

*Ironie: OFF*

gefunden bei Stuttmann Karikaturen.

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It’s titled

Am Mittwoch hatte ich die Ehre, im Rahmen der “It’s titled” Partyreihe in der Palomabar spielen zu dürfen. Tollerweise war der Laden ziemlich schnell ziemlich voll, was zugegebenermaßen bei der Größe des Schuppens nicht sooo schwer ist, aber trotzdem immer schön, wenn man davor bewahrt wird, in eine Runde gucken zu müssen, in der die Gäste versuchen, sich irgendwo am Rand in der Wand auflösen zu wollen anstatt zu tanzen. Danke an alle Anwesenden dafür!

Ich hab einen Teil des Sets mitgeschnitten, und tadamm, here it is:

 

Das Ding mit der Ironie

 Ich komm mal wieder mehr unter Leute. Und lege mir dabei ganz nebenbei Hausmannskills zu. Das macht mich zwar zur Lachnummer bei einigen meiner Freunde, aber dafür mutiere ich zum Traum aller Schwiegermütter. Seit einiger Zeit wohne ich einem Nähkurs der Volkshochschule bei. Wie erwartet als einziger Mann in der Runde. So richtig ernst genommen scheine ich nicht zu werden, aber die Bemerkung der Kursleiterin: „Ah, wir hatten schonmal einen Mann im Kurs, der ließ sich nach der ersten Stunde nie wieder blicken“ spornt mich nur an. Obwohl ich glaube, ich sei eine viertel Stunde zu früh dran, komme ich zur ersten Sitzung ne viertel Stunde zu spät. Ich bin sogar extra noch um den trostlosen Block spaziert, um Zeit totzuschlagen, weil ich so früh dran zu sein glaubte (Hä? Macht diese Grammatik Sinn?). Geil, einmal im Leben pünktlich sein, dachte ich, während ich durch die uninteressante Gegend laufe. Fail!

Jedenfalls komm ich da rein, und alle sitzen vor ihren Nähmaschinen und sind fleißig irgendwas am machen. Scheinbar haben alle schon Visionen von Abendrobe, Bettwäsche und Jutebeuteln. Ich hingegen dachte, man lernt da die Basics des Schneiderns und Nähens. Schließlich bin ich blutiger Anfänger, noch nicht mal nen Knopf hab ich jemals angenäht. Ich glaub zwar, dass ich das könnte. Aber ich habs halt noch nie gemacht. Und die sitzen da alle mit ihren Ikea-Starterpaketen und fummeln an irgendwas rum. Ich nehme mir auch ne Maschine aus dem Schrank und schaffe es zumindest, den Stecker in die Steckdose zu stecken (3x „stecken“ in einem einzigen Nebensatz. Brilliant!).

Die Kursleiterin erbarmt sich meiner, fädelt mir den Faden ein, den ich übrigens selber mitgebracht habe (ich bin nicht völlig unvorbereitet!) und gibt mir nen Fetzen, auf dem ich rumnähen darf. So stell ich mir ein bisschen die Bastelstunde im Haus Lebenshilfe vor, aber ok, jeder fängt mal klein an. Ich näh so ein bisschen unmotiviert auf dem Lappen rum und stelle mit einem Blick nach rechts fest, dass ich damit schon zu den Fortgeschrittenen gehöre. Denn die äußerst hübsche Teilnehmerin zu meiner rechten (Danke Gott, nicht nur Muttchen in dem Kurs!) hat große Einfädelprobleme, so dass ich gleich in die Lehrerrolle schlüpfe und ihr dank meines fotografischen Gedächtnisses den Faden durch das Gerät pule (klingt irgendwie wie eine Metapher für irgendwelchen Schweinkram. Isses aber nich!). Bähm, von jetz an soll es bergauf gehen!

Naja, nicht unbedingt stetig bergauf, es gibt auch Rückschläge zu verkraften. Die Hoffnung, dass ich für die kommenden Sitzungen ne nette Gesprächspartnerin in meinem Alter habe, die ähnlich hilflos vor den unbegrenzten Möglichkeiten der Näh- und Schneiderwelt kapituliert, wird nämlich auf dem Heimweg jäh zerstört. Wofür ich mich leider selbst verantwortlich zeichnen muss. Wir plaudern nett, alles cool, und wir kommen dahin, wie und warum wir eigentlich in dem Kurs gelandet sind. Ich sage mit ironischem Unterton (der ihr verborgen bleiben soll): „Ich bin nur hier, um zu baggern.“ Ich fand das witziger als sie, glaub ich. Jedenfalls machen sich gleich Stalker-Paranoia bei ihr breit. Wir müssen beide zur gleichen Station fahren, und als ich als ortskundiger Mensch versuche, einzugrenzen, wo sie wohnt, zieht sich bei ihr alles zusammen und sie stammelt sowas wie: „Äh, ich muss ja jetz nich alles preisgeben, ne…“ Nö, natürlich nicht. Ich bin selbst ein großer Fan von Privatsphäre. Aber zu glauben, ich sei irgendein kranker Spinner. Trifft! Mitten ins Herz! Mir war auch nie bewusst, dass ich überhaupt auch nur ansatzweise so einen Eindruck vermitteln könnte. Vielleicht hat sie aber ja auch miese Erfahrungen mit so Null-Acht-Fuffzehn-Typen wie mir gemacht. Naja, jedenfalls sucht sie sich seitdem im Kurs immer dort einen Platz, der keinen weiteren Nachbarn zulässt. Eingerahmt von harmlosen Fräuleins oder am Rand. Was lerne ich daraus? Lass das mit der Ironie lieber bleiben! Rafft nich jeder.

Jedenfalls war klar: Ohne konkretes Projekt bin ich in dem Kurs verloren. Das kleine Einmaleins des Nähens und Schneiderns wird uns jedenfalls nicht beigebracht. Das hat schon eine weitere Person in dem Kurs zur Aufgabe bewegt. Im Gespräch mit der Kursleiterin kam ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck. „Ich dachte, Sie bringen uns irgendwie Grundregeln bei. Ich bin nämlich blutige Anfängerin, wissen Sie!?“ Ich glaub, die wollte das studieren oder so. „Nee, so hab ich den Kurs eigentlich nicht konzipiert. Ihr sollt euch was überlegen und ich helf euch dabei. Ich hab das Gefühl, das macht mehr Sinn.“ – „Aha.“ Und sie ward nie wieder gesehen.

In der zweiten Stunde hab ich mich also daran gemacht, während die anderen fleißig ihre zukünftigen Kissenbezüge misshandelten, mir ne Strickjacke umzunähen. Zack! Am Ende war das Ding fertig, ich äußerst zufrieden mit meinem Werk, und die anderen hochgradig neidisch auf meinen Output. Den hab ichs ja wohl gezeigt, oder?! Nee, aber die sind auch echt alle voll nett da. No hate, no bad feelings! Ich kann sowas einfach: Abtauchen in die Welt des Kleinbürgertums und gemocht werden von seinen BewohnerInnen. Solange ich die Ironie zu Hause lasse.