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Ekelhaaf!

Wie so ein Tag aussehen könnte, an dem man Sentinel-Kaspar-Hauser-mäßig alles um sich herum so dolle wahrnimmt, dass man kurz davor ist, Plaque zu kriegen:

Für die ehrenvolle Aufgabe, eine Abschlussarbeit zu verfassen, sucht man dann doch häufiger die Bibliothek auf. Ich könnte auch zu Hause wunderbar arbeiten, wenn da nicht die Frau mit der Raucherstimme wär , die unten im Hof immer ihren Köter zur Raison bringt. Oder der Typ, der mir nichts dir nichts mit seiner Anlage den kompletten Komplex mit Punkrock beschallt. Also lieber der deprimierende Nachkriegsbau von Bibliothek, in dem die Zeit still zu stehen scheint.

Die schönsten Plätze dort sind die ohne Nachbarn. Dauert nur nicht lange, bis der erste sich links neben mir den Tisch krallt. Er knallt sein Netzteil auf den Tisch, lässt sich ächzend auf dem Stuhl nieder und knistert gefühlte fünftausend Jahre in seiner kack Tüte rum. Knister Knister Raschel Knister. So viele Bücher passen da gar nicht rein, so lange, wie der da drin rumfummelt. Ich bin leicht gereizt. Jetzt schon. Dann packt er sich seine Wasserflasche und nimmt ein Schluck aus der Pulle. Denk ich. Aber scheinbar hat der Herr seit ner Woche keine Flüssigkeit mehr zu sich genommen. Wie ein ausgedorrte Pflanze, in die man immer weiter Wasser reinkippt in der Hoffnung, dass die sich schon wieder berappelt, wenn man nur nicht aufhört, die förmlich zu ertränken, schüttet er sich lautstark sein Getränk hinter die Binde. Schluck schluck schluck. Ich kann mich auf nix anderes mehr konzentrieren als auf den überstreckten Hals neben mir, der das wahrscheinlich extra macht, wie in dieser Cola light Werbung mit dem sexy Bauarbeiter-Model. Ich hätte nie gedacht, dass mich Schluckgeräusche so dermaßen anwidern können. Leider stellt sich raus, dass der Typ nicht nur laut trinkt, sondern auch zur Gruppe der Tastatur-Vergewaltiger gehört. Der drischt auf seine Tasten ein, dass mir sein Laptop leidtut. Das kann ich erst recht nicht leiden. Ich leg ne Pause ein, bis der sich beruhigt hat.

Gerade sitze ich wieder an meinem Platz, lässt sich jemand zu meiner Rechten nieder. Was hat der in der Hand? Ne Pulle voll mit Cassisschorlenplörre ausm Discounter. Während er auf facebook routiniert sein Profil pflegt und seine Likes abarbeitet, nimmt er immer mal wieder einen beherzten Schluck. Und so LAUT! Man, warum so laut? Und warum immer wieder in fast regelmäßigen Abständen riesige ohrenbetäubende Schlücke? Ich würde dem so gern sein Zuckergesöff in die Tastatur kippen. Ich mache ja eh nur noch eine halbe Stunde, denk ich, ruhig Blut.

Also raus aus der Bib, rein in die S-Bahn. Rein in die 50 Grad-Schweiß-Hölle, in der alle so apathisch auf ihren Sitzen kleben, dass scheinbar keiner mehr merkt, dass so ein Waggon Fenster besitzt. Man muss sie nur aufmachen. Extra umständlich öffne ich eins jener Fenster, und ich glaube, einige von den Zombies lassen durch ihre Höhlenaugen so etwas wie Anerkennung und Dankbarkeit durchblitzen. Bis eine Station später jemand einsteigt, und ohne mit der Wimper zu zucken das einzige Fenster schließt, was die Leute davor bewahrt, den Hitze- und Erstickungstod zu erleiden. Ich kann das irgendwie nicht ganz fassen. Was in so jemandem vorgeht…!?

Ich versuche mich, in meine eigene Welt zurückzuziehen, weil ich so viel panne Honkitonks nicht mehr ertragen kann. Und fahre drei Stationen zu weit.

 

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