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Monthly Archives: January 2014

Durch glückliche Umstände fiel mir die Tage ein Gutschein für einen Tag im Holmes Place in die Hände. Obwohl dieses riesengroße Fitnessstudio nur ein paar Minuten Fußmarsch von mir entfernt liegt, hatte ich das noch nie vorher gesehen. Danach gesucht hab ich natürlich auch nicht. Fitnessstudios sind für mich der Inbegriff unserer Wohlstandsgesellschaft, in der der “Arbeit” degeneriert worden ist zu stumpfen Computertätigkeiten und “zu Fuß gehen” bereits als Freizeitbeschäftigung gilt. Ein Hort der Unzufriedenheit, wo Gleichgesinnte an ihren persönlichen physischen Baustellen arbeiten, um einer von der Werbeindustrie konstruierten Perfektion nachzueifern. Brüder und Schwestern im Geiste, die sich doch gegenseitig neidvoll auf die Hintern starren. Der “Ausgleich” vom Büroalltag hat dabei nur so lange seine Daseinsberechtigung als Grund zur Mitgliedschaft, solange gleichzeitig Cellulite bekämpft wird oder der Bizeps an Umfang gewinnt.

Einen Freund durfte ich mit rein nehmen. An der Rezeption mussten wir allerdings erstmal einen Fragebogen ausfüllen, der mer Kreuzverhör war und einem schon beim Ausfüllen ein schlechtes Gewissen macht. Warum man denn nicht “trainiere”, und wann das letzte mal gewesen sei. Welche Ziele ich hatte, und ob sie erreicht habe bzw. warum nicht. In jeder Frage irgendwas mit “trainieren”… trainieren, trainieren, trainieren, mir wird schwindelig. Ich will doch nur in die Sauna, nu lass mich doch. Irgendwann erlöst die Dame uns und sagt: “Ist ok, das reicht.” Puh, ich war schon kurz vorm weinen.

Der Plan war bei -10 Grad Außentemperatur relativ klar: Sauna. Der Laden ist nämlich nicht nur Fitnessstudio, sondern hat auch Sauna und Schwimmbad im Angebot. Also haben wir erstmal zwischen einem ambitionierten Krauler auf Bahn 2 und einer älteren Dame der Sorte “Ich hebe meinen Kopf so weit wie möglich aus dem Wasser, damit meine Fönfrisur nicht nass wird” (ich hätte um der guten alten Freibad-Zeiten Willen eine Arschbombe neben sie setzen sollen) ein paar Bahnen gezogen. Rund um das gläserne Schwimmbad sind auf zwei Etagen die Pumpwerkstatt und gängige Ausdauergeräte angeordnet, so dass die Auf-der-Stelle-Läufer und Trockenruderer am Fenster die Wasserratten im Becken beobachten konnten und umgekehrt.

Da ich Schwimmbäder ohne Sprungtürme und -bretter langweilig finde, sind wir nach 200 m Lagen (Kraut und Rüben) in den Wellnessbereich abgezogen. Zu unserer Verwunderung hingen dort an den Wänden ca. 700 Kleiderhaken bei ganzen drei Duschen. Man stellt sich also nackt in die Schlange um zu brausen, und wenn man endlich dran war, begibt man sich auf die Suche nach seinem Handtuch. Neben gefühlten 5000 Quadratmetern Gerätepark blieb leider auch nur noch Platz für eine kleine finnische Ecksauna, ein Dampfbad und eine von diesen “Biosaunen”, wo das Licht irritierenderweise ständig wechselt und einem 60 Grad bloß ein müdes Lächeln auf die Lippen zwirbeln. Also gleich in die “richtige” Sauna zur Salamiparty. Erst nach ner halben Stunde wurde uns bewusst, dass es sich doch um einen gemischten Bereich handeln musste, als sich ein weibliches Wesen zwischen all den Lurchen identifizieren ließ. Ob die sich so richtig wohl gefühlt hat… schwer zu sagen. Jedenfalls betrat sie die Sauna in Begleitung ihres äußerst muskulösen Freundes, der ihr mit einem Fingerzeig deutete, wo sie sich hinzusetzen habe: Auf die mittlere Bank zwischen seine Füße. Die Harten nach oben. Sie, bis unters Kinn in ihr Handtuch eingewickelt, setzte sich gefolgsam schräg vor ihn und eine Etage tiefer hin, um sogleich dienerisch sein Bein zu streicheln. Erinnerte mich schwer an “Prison Break”, wo der böse “T-Bag” sich seine Jüngelchen hielt wie reudiges Vieh, indem diese niemals seine Hosentasche loslassen durften.

In der Sauna herrscht sowieso immer eine gewisse Ratlosigkeit darüber, welche Regeln dort gelten, so dass es einige selber in die Hand nehmen. “Was dagegen, wenn ich nen Aufguss mache? Dann wirds hier drin vielleicht ein bisschen ruhiger…” Aha, Sauna ist also Ruhebereich. Denkt dieser Herr. Und kippt Wasser über die Steine als gäbe es keinen Morgen mehr, setzt sich anschließend auf die unterste Bank, um daraufhin die Sauna als erster zu verlassen. Das ist natürlich auch ne Strategie. Der volltätowierte Typ neben mir stöhnt schon seit geraumer Zeit rum und rubbelt sich dabei an seinem siffigen Körper den Schweiß hoch und runter. Kein Fan von Understatement, scheint mir.

Nach dem dollen Aufguss, der irgendwann unsere Augen pulsieren ließ, ab in den Ruheraum. Ich habe noch nichtmal zwei Gedankengänge bis zu Ende gebracht, da packt mich die Angst, meine Kollege sei tot, als ich mich zu ihm umdrehe. Mit überstrecktem Kopf und offenem Mund liegt er dort wie ein Reanimationspatient auf der Krankentrage. Aber er atmet. Relativ laut irgendwann auch, so dass ich ihn wecke und wir uns für unseren letzten Gang frisch machen. Wieder so ein Aufguss-Profi, der sich selbst überschätzt. Vielleicht geht es auch nur um den kurzen Schmerz, die Gänsehaut, die die Affenhitze auslöst. Ein bisschen Masochismus muss dabei sein, schon in Ordnung. Der Hang zur Selbstpeinigung sollte ja eh allen Fitnessstudiogängern gemein sein.

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Die Plätze des Grauens mal schön

Zwar fahren im Winter die Züge wieder nicht richtig, weil der so “überraschend” kam, aber wenn man sich nicht auf seine langsam absterbenden Zehen konzentrieren will, während man auf tristen Bahnhöfen Lebenszeit verplempert, birgt der Schnee zumindest ein bisschen Abwechslung vom üblichen Grau-in-Grau. Ich musste gestern durch die Stadt tingeln, “Besorgungen” machen und hab einfach mal meine olle Kamera eingesteckt. Und siehe da, manche verpönte Ecken haben mit dem richtigen Blickwinkel und ein bisschen Schnee obendrauf irgendwie Charme.

Berlin ist bekanntermaßen eine einzige Baustelle. Man verschafft sich mit der freudigen Erwartung darauf, wenn alles endlich mal fertig ist und in prachtvollem Glanz erscheint, ein wenig Luft und betrügt sich dabei selbst. Aber so what, wir leben ja alle irgendwie für eine Zukunft, die wir uns krampfhaft bilderbuchmäßig schön malen, weil wofür sonst jetzt soviel ackern? Wenns jetz schon kacke is, dann muss es wenigstens irgendwann geil sein. Hm ja, ich weiß ja nich, ob die Rechnung aufgeht…

Das Ostkreuz: Einfach schön! Ein grauer Kasten mit Fenstern, wie jeder andere auch. Extra so entworfen, muss man sich vorstellen. Sagenhaft! Darunter versammelt ein neues Gleis in Richtung Stadt die Menschenmassen in einem zu kleinen und dunklen Panikraum zwischen Betonpfeilern und Schienen, dass einem diverse Horrorvorstellungen von tödlich ausgehenden Missgeschicken und klaustrophobischen Angstzuständen durch die fragile Psyche jagen. Dass die Leute da möglichst schnell weg wollen, erkennt man daran, dass die Zusteigenden von außen bereits panisch auf den Türknopf drücken, als ob diejenigen, die aussteigen wollen, nicht selbst auf die Idee kämen, diesen zu betätigen. Das verdutzte Gesicht der Zusteigenden, wenn die Tür aufgeht und sie den Ausgang blockieren und nicht wissen, was sie nun tun können, um dieser Situation beizukommen, ist womöglich kein Ostkreuz-Phänomen, zugegeben. Rumschnauzen ist übrigens die am häufigsten verwendete Problemlösungsstrategie, hab ich bemerkt. Kurz danach kommen unspezifische Drohungen gefolgt von völliger Ignoranz, die ich persönlich erfrischend bewundernswert finde. Würde ich mir gerne eine dicke Scheibe von abschneiden.

Überbleibsel des alten Ostkreuzes

Zumindest unterlässt die Rolltreppe seit längerem dieses trommelfellzerberstende Quietschen. Vermutlich weil sie meistens kaputt ist. Mir klingen da noch die philosophisch anmutenden und mit der nötigen Brise an ironisch-fatalistischem Unterton geschwängerten Worte eines Bekannten nach: “Wenn die große Pfütze da unten irgendwann weg ist, dann ist das Ostkreuz wirklich nicht mehr, was es mal war.” Für mich persönlich ist diese Pfütze das Wahrzeichen Berlins. Dieser momentan halb zugefrorene See muss mittlerweile ein eigenes Ökosystem sein. Es wundert mich, dass da noch keine Umweltschutzorganisationen drauf aufmerksam gemacht haben. Naja, es gibt andere Baustellen, z.B. die Höhle unterm Ostkreuz für eine Autobahn, die möglicherweise niemals gebaut wird.

Ich fahr eigentlich nie noch weiter in den Osten, weil da bin ich ja schon. Ich fahr normalerweise nach Westen. Außer diesmal. Da hats mich nach Marzahn verschlagen. Plattenromantik. Oder war das Lichtenberg? Nee, Marzahn gehört zu Lichtenberg, oder?! Kenn mich da nich so aus. Auf jeden Fall ist man da ganz schnell in einer anderen Welt. Zwischen den Betonmonstern, die man zwecks Lebensqualität bunt angemalt hat, kommt man sich ganz schön klein vor. Verlaufen will man sich da auch nicht, weil die Proportionen da einfach anders sind. So wie Gulliver, nur andersrum. Vor mir lief ein Gothic-Mensch oder so, jedenfalls ganz in Schwarz mit langem langem Mantel, Lackstiefeln und einer angenähten Stoffratte auf der rechten Schulter. Dann noch eine schmale junge Frau mit bunter Testfrisur und der Rest waren eigentlich nur alte Menschen mit diesen Stoffwägelchen, mit denen man einkaufen geht. Also mit denen alte Menschen einkaufen gehen. Oder die junge Menschen auf Festivals mitnehmen und meist anschließend zurücklassen, da sie der Last der Bierpaletten nicht gewachsen waren. Aus dem oberen Stockwerk so eines Plattenbaus hat man allerdings nen interessanten Blick auf das kunterbunte Mutantenmonopoly.

Pladde

Der schlimmste Platz auf Berliner Boden ist unzweifelhaft die Warschauer Brücke. Da könnt ich jedesmal im ganzen Strahl brechen, wenn ich da rüber muss. Mir fällt wirklich kein einziges Argument ein, warum man diesen Ort nicht in die Luft jagen sollte (Schaboom!, und schon steigen meine Klickzahlen. Wart, wenn ich schon dabei bin, tagge ich noch NSA-optimiert: Pentagon, Obama, Explosion, Bombe, Dschihad, AK 47, how-to-build-a-bomb, Penispumpe, ah nee falsche Rubrik…). Wenn man mich foltern wollen würde, dann müsste man mich einfach auf die Warschauer Brücke ketten. Irgendwann hätten mich Partytouristen, gestresste Berufstätige, Simon-Dach-Publikum und schlechte Straßenmusikanten schon weich gekocht.

Brücke des Grauens

Auch die Bahnen scheinen diesen grausamen Ort zu meiden. Dort steht man im schwarzen Loch des S-Bahn-Verkehrs. Als würde man gezwungen, zwischen grölenden, kotzenden und pöbelnden Menschen zu warten, als eine Art Anschauungsunterricht gemeiner Drogen. Meist Alkohol gepaart mit charakterlichen Defiziten. So wie zu Schulzeiten, als der Polizist den in der Sporthalle versammelten Schülern die schlimmen Auswirkungen des Drogenkonsums veranschaulichen wollte. Schickt sie einfach mal nachts auf die Warschauer Brücke, besser geht Anschauungsunterricht nicht.