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Die Plätze des Grauens mal schön

Zwar fahren im Winter die Züge wieder nicht richtig, weil der so “überraschend” kam, aber wenn man sich nicht auf seine langsam absterbenden Zehen konzentrieren will, während man auf tristen Bahnhöfen Lebenszeit verplempert, birgt der Schnee zumindest ein bisschen Abwechslung vom üblichen Grau-in-Grau. Ich musste gestern durch die Stadt tingeln, “Besorgungen” machen und hab einfach mal meine olle Kamera eingesteckt. Und siehe da, manche verpönte Ecken haben mit dem richtigen Blickwinkel und ein bisschen Schnee obendrauf irgendwie Charme.

Berlin ist bekanntermaßen eine einzige Baustelle. Man verschafft sich mit der freudigen Erwartung darauf, wenn alles endlich mal fertig ist und in prachtvollem Glanz erscheint, ein wenig Luft und betrügt sich dabei selbst. Aber so what, wir leben ja alle irgendwie für eine Zukunft, die wir uns krampfhaft bilderbuchmäßig schön malen, weil wofür sonst jetzt soviel ackern? Wenns jetz schon kacke is, dann muss es wenigstens irgendwann geil sein. Hm ja, ich weiß ja nich, ob die Rechnung aufgeht…

Das Ostkreuz: Einfach schön! Ein grauer Kasten mit Fenstern, wie jeder andere auch. Extra so entworfen, muss man sich vorstellen. Sagenhaft! Darunter versammelt ein neues Gleis in Richtung Stadt die Menschenmassen in einem zu kleinen und dunklen Panikraum zwischen Betonpfeilern und Schienen, dass einem diverse Horrorvorstellungen von tödlich ausgehenden Missgeschicken und klaustrophobischen Angstzuständen durch die fragile Psyche jagen. Dass die Leute da möglichst schnell weg wollen, erkennt man daran, dass die Zusteigenden von außen bereits panisch auf den Türknopf drücken, als ob diejenigen, die aussteigen wollen, nicht selbst auf die Idee kämen, diesen zu betätigen. Das verdutzte Gesicht der Zusteigenden, wenn die Tür aufgeht und sie den Ausgang blockieren und nicht wissen, was sie nun tun können, um dieser Situation beizukommen, ist womöglich kein Ostkreuz-Phänomen, zugegeben. Rumschnauzen ist übrigens die am häufigsten verwendete Problemlösungsstrategie, hab ich bemerkt. Kurz danach kommen unspezifische Drohungen gefolgt von völliger Ignoranz, die ich persönlich erfrischend bewundernswert finde. Würde ich mir gerne eine dicke Scheibe von abschneiden.

Überbleibsel des alten Ostkreuzes

Zumindest unterlässt die Rolltreppe seit längerem dieses trommelfellzerberstende Quietschen. Vermutlich weil sie meistens kaputt ist. Mir klingen da noch die philosophisch anmutenden und mit der nötigen Brise an ironisch-fatalistischem Unterton geschwängerten Worte eines Bekannten nach: “Wenn die große Pfütze da unten irgendwann weg ist, dann ist das Ostkreuz wirklich nicht mehr, was es mal war.” Für mich persönlich ist diese Pfütze das Wahrzeichen Berlins. Dieser momentan halb zugefrorene See muss mittlerweile ein eigenes Ökosystem sein. Es wundert mich, dass da noch keine Umweltschutzorganisationen drauf aufmerksam gemacht haben. Naja, es gibt andere Baustellen, z.B. die Höhle unterm Ostkreuz für eine Autobahn, die möglicherweise niemals gebaut wird.

Ich fahr eigentlich nie noch weiter in den Osten, weil da bin ich ja schon. Ich fahr normalerweise nach Westen. Außer diesmal. Da hats mich nach Marzahn verschlagen. Plattenromantik. Oder war das Lichtenberg? Nee, Marzahn gehört zu Lichtenberg, oder?! Kenn mich da nich so aus. Auf jeden Fall ist man da ganz schnell in einer anderen Welt. Zwischen den Betonmonstern, die man zwecks Lebensqualität bunt angemalt hat, kommt man sich ganz schön klein vor. Verlaufen will man sich da auch nicht, weil die Proportionen da einfach anders sind. So wie Gulliver, nur andersrum. Vor mir lief ein Gothic-Mensch oder so, jedenfalls ganz in Schwarz mit langem langem Mantel, Lackstiefeln und einer angenähten Stoffratte auf der rechten Schulter. Dann noch eine schmale junge Frau mit bunter Testfrisur und der Rest waren eigentlich nur alte Menschen mit diesen Stoffwägelchen, mit denen man einkaufen geht. Also mit denen alte Menschen einkaufen gehen. Oder die junge Menschen auf Festivals mitnehmen und meist anschließend zurücklassen, da sie der Last der Bierpaletten nicht gewachsen waren. Aus dem oberen Stockwerk so eines Plattenbaus hat man allerdings nen interessanten Blick auf das kunterbunte Mutantenmonopoly.

Pladde

Der schlimmste Platz auf Berliner Boden ist unzweifelhaft die Warschauer Brücke. Da könnt ich jedesmal im ganzen Strahl brechen, wenn ich da rüber muss. Mir fällt wirklich kein einziges Argument ein, warum man diesen Ort nicht in die Luft jagen sollte (Schaboom!, und schon steigen meine Klickzahlen. Wart, wenn ich schon dabei bin, tagge ich noch NSA-optimiert: Pentagon, Obama, Explosion, Bombe, Dschihad, AK 47, how-to-build-a-bomb, Penispumpe, ah nee falsche Rubrik…). Wenn man mich foltern wollen würde, dann müsste man mich einfach auf die Warschauer Brücke ketten. Irgendwann hätten mich Partytouristen, gestresste Berufstätige, Simon-Dach-Publikum und schlechte Straßenmusikanten schon weich gekocht.

Brücke des Grauens

Auch die Bahnen scheinen diesen grausamen Ort zu meiden. Dort steht man im schwarzen Loch des S-Bahn-Verkehrs. Als würde man gezwungen, zwischen grölenden, kotzenden und pöbelnden Menschen zu warten, als eine Art Anschauungsunterricht gemeiner Drogen. Meist Alkohol gepaart mit charakterlichen Defiziten. So wie zu Schulzeiten, als der Polizist den in der Sporthalle versammelten Schülern die schlimmen Auswirkungen des Drogenkonsums veranschaulichen wollte. Schickt sie einfach mal nachts auf die Warschauer Brücke, besser geht Anschauungsunterricht nicht.

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