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Tag Archives: populismus

Abgehängt – Schicksalsjahre eines besorgten Bürgers

Die neofaschistische Bewegung in Europa und den USA (und Russland, und der Türkei, und und und) ist so gruselig stark, dass ich mir ernsthaft Sorgen mache, dass der nächste Krieg doch schneller kommt als dass uns der Klimawandel die Küsten absaufen lässt.

Rede ich vom Rechtspopulismus auf der Überholspur? Ja gewiss, aber „populistisch“ hat als Kampfbegriff längst seine Wirksamkeit durch überproportionale Verwendung eingebüßt, wohingegen „neofaschistisch“ den ideologischen Kern der aktuellen politischen Stimmung besser beschreibt. Ich vermisse ja schon fast die Eurokritik, die war vergleichsweise drollig mit ihrer Kritik am Teuro und dem Wunsch nach der guten alten Reichs- äh Deutschmark. Populistisch ist z.B. auch unser Innenminister, der durch mehr Überwachung und höhere Mindeststrafen die Kriminalitätsstatistiken senken will. Man könnte es auch Symbolpolitik nennen.

Mittlerweile beherrscht jedoch fast ausschließlich das Narrativ nationaler Abschottung und die Hierarchisierung gedachter völkischer Entitäten den politischen Diskurs. Blanke Verachtung, Hass, Spott und Gewaltbereitschaft als Mittel gegen materielle und identitäre Verlustängste.

Naja, soviel nur zur Begrifflichkeit. Aber fühlt sich schon gleich anders an, ne? Wenn man dat Kind beim Namen nennt…

Was mich eigentlich interessiert ist die Frage nach den Ursachen dieser fortwachsenden Entsolidarisierung. Ich kann jetzt schon sagen, dass ich da natürlich keine zufriedenstellende Antwort drauf hab und mir Allzweckerklärungswaffen wie Neoliberalismus, korrupte Einheitsregierung, oder trauriger Zustand der SPD nicht reichen.

Aber ich habe mir immerhin ein paar Gedanken zu zwei Ansätzen gemacht, die im politischen Diskurs immer mal wieder als Erklärungsmuster angeführt werden. Das ist zum einen ein kommunikationstheoretischer Blickwinkel auf die sogenannte Filterblase, und zum anderen die – Obacht, ich präsentiere hier einen zukünftigen Buchtitel: – die Rache der Abgehängten.

Bubble Trouble

Wir stecken in einer digitalen Echokammer fest. Wie wir reinrufen, so schallt es raus. Das ist die gängige Hypothese, die auf der Annahme beruht, dass die Nutzung sozialer Medien lediglich die eigene Meinung festigt, da abweichende Meinungen einen kaum erreichen. Wir teilen mit unseren Freunden vornehmlich ein gemeinsames Weltbild, bekommen dadurch auch stets nur Meldungen zu sehen, die dieses Bild festigen. Dazu kommen im Hintergrund arbeitende automatisierte Algorithmen, die uns Beiträge anzeigen, die wir vermutlich liken würden, weil wir ihnen zustimmen.

Ich fand diese These immer recht schlüssig. Aber dann stelle ich mir vor: Ein Nazi in einem kleinen Nazidorf mit seinen Nazifreunden, ohne Internet. Dieses arme Ding hat überhaupt keinen Zugang zu auch nur irgendeiner anderen Art von Sichtweise auf die Welt. Umgeben von immer den gleichen Leuten mit den immer gleichen Ideen, da dringt nix vor. Das Internet nun bietet zumindest die theoretische Möglichkeit, mal was anderes zu sehen. Schon klar, dass Menschen mit einer sehr gefestigten Weltanschauung generell sehr unflexibel sind was ihr Wertesystem betrifft. Aber beruhten nicht schon immer unsere Einstellungen und Werte auf unserer physikalisch erlebbaren peer group? Familie, Freunde? So schnell drängte sich da auch keine alternative Sichtweise auf die Welt rein. Insofern würde ich jetzt mal behaupten, dass uns soziale Medien trotz aller selbstreferentiellen Verstärkungsmechnismen immer noch einen Pool an erfahrbaren Deutungsmustern anbietet, durch den – wenn man schon nicht aktiv sucht – doch hin und wieder mal eine alternative Meldung zu einem durchdringt.

Wenn die sogenannte Filterblase hinsichtlich ihres Einflusses auf die politische Meinungsbildung also nicht überschätzt werden sollte, so hat hingegen die Form der Online Kommunikation und die Aufmerksamkeitslogik des flüchtigen Mediums im Allgemeinen die Art und Weise des Meinungsbildungsprozesses verändert. Ein Kommentar zu irgendeinem Thema ist schnell verfasst und in Umlauf gebracht. Oftmals dient solch ein Statement als Ventil, um seinen Emotionen Luft zu verschaffen, vielleicht hat man auch mal Bock, nach drei Weizen (keine Anspielung auf Waldi) seinen geistigen Wurstsalat in den Äther zu drücken. Irgendwer wird drauf anspringen und schon haben wir nen weiteren Strang babylonisches Rauschen, dem letztlich von einigen jedoch Bedeutung zugemessen wird. Langsam aber sicher rotten sich Gleichgesinnte zusammen und mit der Gewissheit, dass man mit seinen kruden Ansichten nicht alleine dasteht, werden undifferenzierte (ja, zuweil populistische) „Meinungen“ ständig aufs Neue hinausgeblökt, natürlich mit dem Anspruch, die einzig wahre Wahrheit auszusprechen. So entpuppt sich die Demokratisierung der Produktionsmittel als Werkzeug der Lautesten. Eine Art Gruppen-Trollerei, die alles niederschreit und, ohne den Filter unmittelbarer sozialer Verantwortlichkeit getätigter Aussagen, den politischen Diskurs vergiftet. (Dass mitnichten jeder Schreihals im Netz ein minderbemittelter Asi ist, lässt sich anekdotenhaft z.B. bei Falter Redakteur Florian Klenk nachlesen, der den Verfasser eines persönlichen Hasskommentars gegen seine Person persönlich besucht.)

So manifestiert sich eine Diskussionskultur, die sich scheinbar Stück für Stück auf die Straße überträgt. Sagbar ist plötzlich vieles: rassistische Kackscheiße ebenso wie die behämmertsten Verschwörungstheorien oder der offene Aufruf zu Gewalt. Plötzlich unterschiedet sich die Straße gar nicht mal mehr so sehr vom Online-Forum. Hat ja scheinbar keine Konsequenzen, wenn ich inhaltsleere Scheiße verbreite, im Gegenteil, irgendwer findet sich schon, der mich darin bestärkt. Und vielleicht gibt’s da draußen ja noch mehr davon. Fehlt nur noch die Partei, die dem ganzen Gesuder einen seriösen Anstrich verpasst (Na, wisst ihr welche ich meine).

Jene Parallelweltbewohner haben bereits das Vertrauen in die Lügenpresse verloren. Alles was nicht ihrer Meinung entspricht, muss falsch sein, gar hinterhältig gelogen. Festes Weltbild? Aber hallo.

Journalisten haben der klassischen Nachrichtenwerttheorie folgend eine Gatekeeper Funktion, d.h. sie filtern Nachrichten nach bestimmten Faktoren. Über diese Kriterien lässt sich trefflich streiten, und die BILD Zeitung verfolgt da durchaus andere als die Süddeutsche, aber immerhin unterwerfen sich die Massenmedien weitestgehend dem demokratischen Prinzip des Pluralismus, welcher eben mehrere Meinungen zulässt und nicht bloß eine. Und sie ballern eben nicht gleich den ersten Schwachsinn raus, der ihnen in den Sinn kommt weil sich damit mächtig auf die Tränendrüse drücken lässt (ok, da muss ich die BILD dann doch rausnehmen, die war ein blödes Beispiel, die is einfach Dreck). Gezielte Propaganda, verharmlosend als Fake-News bezeichnet, ist nicht jedem gleich als solche erkennbar, und schwuppdiwupp surfen alle auf der Empörungswelle ein Stückchen mit, bis sich herausstellt: Ach nee, stimmte ja alles gar nicht. Aber da ist der Schaden schon angerichtet. Und einige nicht ganz so Scharfsinnige kommen nie auf den Trichter. Soll ja immer noch Leute geben (HC Strache), die Satireseiten (der Postillon) für bare Münze nehmen.

Der deliberative Wert der persönlichen Filterblase ist also eher zu vernachlässigen, aber die hochgradig emotionale Logik und Kurzzeitigkeit der Kommunikation hat womöglich Auswirkungen auf die Art und Weise wie außerhalb der sozialen Medien miteinander diskutiert wird. Und da scheint Hate Speech verdammt hip geworden zu sein.

Killer Elite

Da es so schön in monokausale und einfache Erklärmuster passt, wird die Ablehnung einer wie auch immer gearteten Elite zu einer verbindenden Komponente des Protests. Daraus wurden gleich zwei Thesen geschnitzt, die in ihrer Ambivalenz kaum zu überbieten sind.

Erstens: Der abgehängte Modernisierungsverlierer fällt dem Rechtspopulismus anheim, da die Globalisierung einfach so globalisiert ohne ihn zu fragen. Zweitens: Die abgehobene linksliberale Strömung unserer Gesellschaft ist selber Schuld an dem Katzenjammer, da sie die Sorgen dieser Abgehängten einfach nicht ernst nimmt.

Also zumindest die erste These kann man doch getrost in die Tonne kloppen. Wenn man sich anschaut wer Trump gewählt hat oder die AfD, muss leider feststellen, dass sich da nicht das Prekariat versammelt (höchstens das Geistige), sondern solide Mittelschicht, für die Armut nicht mehr ist als ein Begriff. Die wollen gegen das Establishment sein? Also bitte, mehr Establishment geht ja kaum, Amerika als Realsatire: Finanzminister = Goldman Sachs Manager, Millardäre im Kabinett, ein Immobilien-Tycoon und Steuervermeider als Präsident. Wenn die Wähler es jemandem gezeigt haben, dann höchstens sich selbst. Glückwunsch!

Es scheint zum menschlichen Reflex zu gehören, bei subjektiv wahrgenommener Unsicherheit und drohendem Kontrollverlust auf sämtliche Einsichten einen dicken Haufen zu setzen und die niemals verhallenden Rufe nach mehr Nationalstaat, Volk und Autorität zu reaktivieren. Komplexität reduzieren. Sündenböcke erschaffen bzw. sich welche von jenen präsentieren lassen, die von der gesellschaftlichen Entwicklung als die Wenigen profitieren. Wenn die Dagobert Ducks dieser Welt ihren Speicher füllen zu Ungunsten der malochenden Masse, werden sie den wachsenden Unmut dieses siffigen Mobs sicher nicht durch Zugeständnisse beschwichtigen, sondern ihr einen Prügelknaben vorsetzen, auf den dann munter gemeinsam eingedroschen werden kann. Die Flüchtlings-Pinata, ein Spaß für die ganze Familie.

Bei der zweiten These tu ich mich schon schwerer. Ich bin wirklich kurz davor, mir selbst Vorwürfe zu machen, in meiner linksliberalen Denke zu verharren und Leuten, die den neoliberalen wohlstandschauvinistischen Quatsch nachplappern, den gesunden Menschenverstand abzusprechen. Und ich kann auch total die Abneigung verstehen, wenn Menschen bei bestimmten Reizwörtern gleich ohne weitere Nachfrage als per se Rechts abgestempelt werden. Ausgrenzung und Ignoranz haben nämlich leider den destruktiven Effekt eines trotzigen Reaktanz-Verhaltens, das mit der Festigung der randständigen Position einhergeht samt Erschaffung einer eingebildeten Opferrolle, die dann auch durch und durch real werden kann wenn die Etablierten dieses Narrativ weiter fleißig füttern. Ich habe schonmal angedeutet, dass ich mir selbst ankreiden muss, nicht selten die argumentative Konfrontation zu meiden, weil ich keinen Bock drauf hab. Aber muss man einer ganzen gesellschaftlichen Teilschicht eine Schuld zuweisen, die durch vermeintliche Arroganz begründet ist? Am Ende des Tages bin immer noch ich als Individuum dafür verantwortlich, ob ich ein Kreuz hinter eine menschenverachtende faschistoide hetzerische Partei setze oder nicht. Allein ich bin dafür verantwortlich. Ich, meine Erziehung und mein freies Denken, welches mich dazu befähigt, Verantwortung zu übernehmen. Zivilisation und so, war da nicht was? Dieses Argument ist letztlich natürlich ziemlich universell einsetzbar. Haben wir den Trump Salat nun wegen Big Data, fragen alle? Ich würde dann sagen: Naja, wir haben ihn, weil so viele Hirnlose ihn gewählt haben, so einfach ist das.

Nur weil ich das politische System nicht zur Gänze durchblicke, rufe ich nach einem starken Führer, der mit harter Hand durchgreift und den Laden mal richtig aufräumt? Hm, Parallelen in unserer Geschichte sind da leider unverkennbar. Es geht noch weiter. Intellektuellenfeindlichkeit, dieser Tage auch ganz groß. Wie oft wird über dahergelaufene Wissenschaftler in ihren Elfenbeintürmen abgeschrotzt, die angeblich nichts von den Problemen des kleinen Mannes verstünden. Akademiker sind wieder grundsätzlich verpönt. Was wissen die schon?!

Apropos, bin ich dann eigentlich auch Elite? Ich hab ja nen akademischen Abschluss. Prekär leb ich trotzdem, schon immer irgendwie. Im Grunde bin ich sogar ein richtiger Verlierer, der so an der Grenze von Sozialamt und Nebenjob mäandert. Andersrum hab ich Freunde, die sind Schulabbrecher und verdienen ganz gut. Und auch die sind trotz allem mündige reflektierte Individuen. Wer isn jetz eigentlich diese Elite, die an die Wand gestellt gehört?

Survival of the loudest

Was als „postfaktisch“ durch die Medien geistert und als gegenwärtiges Erfolgskonzept politischer Vortänzer beschrieben wird, könnte man auch das Recht des Lautesten nennen. Frei nach dem Programm der PARTEI: Inhalte überwinden. Hauptsache, man reißt die Schnauze ganz weit auf und schon heißts: Endlich traut sich jemand, es auszusprechen. Und ich frag mich immer: Was denn eigentlich? Dass der Islam die Weltherrschaft anstrebt? Frauen gerne vaginal betastet werden wollen? Chemtrails Pickel verursachen?

Weils so absurd ist, muss es schon stimmen. Anstatt die Fehler im System zu suchen, wird das ganze System verdammt, als hätte es die zwei Weltkriege nie gegeben und 70 relativ friedliche Jahre danach. Das Parteiensystem ist träge, ohne Zweifel, und scheinbar auch nicht sonderlich adaptionsfähig. Aber aus Ablehnung vieler scheiß Entwicklungen etwas zu befeuern, was die größte Scheiße von allem ist, kann ja wohl nicht die Lösung sein. Daher sollte man sich auch nicht diesem Haufen Scheiße hinwenden und sie weniger stinken lassen, indem man ein bisschen Parfüm drauf sprüht, sondern die Scheiße ein für alle mal wegräumen.

Aber genug der Scheiße-Analogien, auch wenn große Scheiße als Fazit durchaus herhalten würde.

Obwohl, einmal Scheiße hab ich noch: Bevor der Mensch nicht bis zum Hals in der Scheiße steckt, ändert sich nix. Das eignet sich gut als Schlusssatz, da ich nach wie vor zum zerreißen gespannt bin, aus welchen Gründen wir uns zuerst die Köpfe einschlagen werden: Klimafolgen oder Faschoregime. Insgeheim hoffe ich ja, die Flut holt mich.

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