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Tag Archives: rassismus

Haten is erlaubt, gibt ja jetz die AfD.

Heute schon Kommentare im Internet gelesen? Wo es auch nur ansatzweise um Politik geht? Verliert man gleich die Beherrschung, ne? Jeder hat ne einfache Lösung parat. Und nen Schuldigen, der an die Wand gestellt gehört. Zum Schluss dann noch drauf hinweisen, dass man AfD wählt, weil die endlich mal aufräumen in der Politik. Protest! Macht mir einerseits Hoffnung, dass das Protestpotential großer Teil des Erfolgs und vergänglich ist, sobald auch sie scheitern oder im System angekommen sind (oder die Macht ergriffen haben). Dass es jedoch keine wirkliche Alternative schafft, Erfolg zu haben, ganz ohne faschistoiden Nonsense und mittelalterliche Ideen, betrübt mich.

Man, und wie die AfD gepriesen wird… als frischer Wind in der Parteienlandschaft. Gegen die Etablierten! Wo genau liegt der Unterschied zur CSU? Alte Männer mit alten Ideen, und ein paar karrieregeile Flitzpiepen. Das ist nicht neu, das ist stinkkonservativ, realitätsverweigernd und rückwärtsgewandt.

Der einzige Unterschied, den ich erkenne, ist die Verschiebung des Sagbaren. Haten ist plötzlich salonfähig. Rassistische Kackscheiße von sich zu geben, ist plötzlich politischer Widerstand. Hatten wir das nicht schonmal? Wenn man sich die Zusammensetzung der AfD ansieht, mit all den zusammengekehrten Resten vom rechten Rand, die eine neue Heimat gefunden haben, verwirrten Seelen, die glauben, in die Vergangenheit zurückkehren zu können und ein paar bankrotten Jungspunden, die mal einen auf dicke Hose machen wollen (hier ist der Unterschied zu den anderen Parteien wahrscheinlich am kleinsten), dann sollte man eigentlich erkennen, dass die „Alternative“ grau, trist und ängstlich ist.

Die Tatsache, dass jetzt auch die allerletzten Kellerkinder ans Tageslicht kommen und laut rumkrakelen, lässt uns zumindest erkennen, wie der bisher politisch apathische Rest im Inneren tickt. Ich bin versucht zu sagen: Wär der Nichtwähler lieber Nichtwähler geblieben. Aber immerhin wissen wir jetzt, welche Denke in der Mitte unserer Bevölkerung vorherrscht. Und jetz dürfen sie es endlich auch mal verbalisieren, und zwar ohne Hemmungen, denn es gibt ja das Internet als Instrument dafür. Anstandsregeln sozialer Interaktion sind außer Kraft gesetzt. Aber hey, so bekommen wir endlich mit, wie weit unsere gesellschaftspolitische Aufklärung tatsächlich fortgeschritten ist. Nicht besonders weit, würd ich sagen.

Ich will aber hier nicht den Eindruck vermitteln, dass die Schuld nur bei den einfach gestrickten Otto-Normal-Hinz-und-Kunzes aus Bauernhausen liegt und den Rattenfängern, die ihnen aus der schwarzen Seele sprechen. Natürlich hat die Politik Schuld. Nicht nur die deutsche, sondern die globale, die nach ihrem Paradigma der (leider nicht so freien und unabhängig funktionierenden) Marktwirtschaft so so viele Menschen abhängen ließ. Jaja, man kanns nicht mehr hören, aber es is eben so, und zudem der Hauptgrund für die ganze Scheiße: Die Arm-Reich-Schere klafft auseinander, die Mittelschicht rutscht ab, jeder kämpft um ein kleines Stück vom Kuchen, während die Reichen gar nicht wissen, wohin mit der Kohle, Hauptsache irgendwo, wo man nicht dran kommt.

Ich dachte ja mit Veröffentlichung der Panama Papers: Jetzt isses endlich soweit. Wir alle kriegen es auf dem Silbertablett serviert, wie abartig korrupt unser ganzes System ist. Selbst der letzte muss es nun kapieren. Jetzt muss was unternommen werden! Wie naiv von mir. Stattdessen erhöht Herr Schäuble das Kindergeld um 2 Euro. Das ändert alles.

Und die Diskussionen auf lokaler Ebene drehen sich wieder nur um den eigenen Vorgarten. Die schwarzen Drogendealer ausm Görli gehören „ausgemerzt“, die „linken Terroristen“ von der Rigaer Straße „ausgerottet“. Die kriegerische Sprache ist zurück, einfache Lösungen werden bevorzugt. Viele wünschen sich einen starken Führer mit eiserner Hand, der für Ordnung sorgt. Na wunderbar. Demokratie is halt scheiße, weil so viele Menschen anderer Ansicht sind, aber doch nur die eigene zählt. Denn schließlich könnte ja auch mein eigenes Auto irgendwann brennen, oder ein Flüchtlingsheim in meiner Nachbarschaft errichtet werden. Nee, lass ma! Die eigene Komfortzone, da darf bitte keiner dran rütteln. Und wenn doch: Volksverräter, Deutschlandhasser, Terrorist, Gutmensch!

Die Widersprüche gehen durch jeden einzelnen, aber reflektieren tun es eben nur die wenigsten. Finanzindustrie bluten lassen! Aber meinen Pensionsfonds, der auf faulen Immobilienkrediten basiert, nicht anfassen! Widerstand leisten! Aber wenn ich mit meinem Auto stecken bleibe wegen so ner blöden Demo schon wieder… in den Kerker werfen, dieses aufsässige Lumpenpack! Wat, der Ribéry verdient 12 Millionen im Jahr? Da kauf ich mir doch glatt ne Karte fürn Hunni, um den im Stadion mal live zu sehen. Naja, das führt zu weit, aber ihr wisst, was ich meine.

Nochmal zurück zur Sprache. Hört doch endlich auf, jeden Satz relativierend anzufangen mit „Ich bin ja nicht rechts, aber…“ oder „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…“, denn spätestens wenn der Satz so anfängt, endet er im genauen Gegenteil. Wenn jetzt eh alles gesagt werden darf und es auch noch parteipolitisch Gehör findet, dann haut es doch einfach raus. Sonst endet das so glaubwürdig wie hier: “Rudi M. nennt Türken „dreckige Kanaken-Wixxer, die in ihr Eselficker-Land zurückgehen“ müssten. Das solle aber „nicht heißen, dass ich rechts bin“.” Absolut nicht Rudi, du bist einfach nur ein mieses Arschloch mit einem Spatzenhirn, wobei ich den Spatz hier in Schutz nehmen muss, denn sowas würde der nicht von sich geben.

Ich bekomm solche Aussagen in abgeschwächtem Maße auch in meinem entfernten Umfeld mit, wenn ich mal meine Gutmenschen-Filterblase verlasse. Dabei versuche ich, die Hintergründe der Person zu berücksichtigen, und es gibt genug Gründe, die ich nachvollziehen kann, die diese Person zu dieser Denke bewegen. Und letztlich komme ich immer zu dem Schluss, dass es die Sorge um den eigenen Wohlstand ist, die einen umtreibt. Und da man sich immer im nahen Umfeld umschaut, wer wieviel hat, hagelt es eben keine verbale Prügel auf die Superreichen, von denen man selten einen kennt, sondern auf die, denen es noch dreckiger geht. Man kann nicht akzeptieren, dass sie einen ähnlichen Lebensstandard haben sollen, wobei man selber doch so hart dafür arbeiten musste.

Wie gesagt, ich kann das verstehen, aber leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit Argumenten oft sehr wenig erreichen kann, sein Gegenüber eine differenziertere Sichtweise annehmen zu lassen. Vielleicht tut man es ja doch, aber es ist eben nicht sofort erkennbar und es verlangt einem soviel emotionalen und empathischen Aufwand ab. Den bin ich oftmals gar nicht erst bereit zu investieren, muss ich zugeben. Ich flüchte mich in mein möchtegern-intellektuelles Gedankenparadies und denk mir: Bei dir is der Zug doch eh schon abgefahren. My bad!

Argumente sind gegen Emotionen aber eben oft auch machtlos. Warum stimmen sonst Orte im Vereinigten Königreich für den Brexit, obwohl sie größtenteils durch EU-Subventionen am Leben gehalten werden? „Make America – äh Great Britain – great again!“ Und schon wieder in der Vergangenheit geschwelgt.

Wenn die Wahl wirklich nur darin besteht, die unverbesserlichen Hater entweder abfällig und besserwisserisch durch die Blume (oder in your face) zu beleidigen oder gefühlt gegen eine Wand anzureden, wofür soll ich mich entscheiden? Tief im Inneren weiß ich, dass letzteres wünschenswerter wäre, aber es ist so anstrengend und ich will mich nicht in eine Position begeben, in der ich letztlich als naiver links-alternativer Junge hingestellt und belächelt werde. Ist es schlimm, wenn ich mir denke: Du engstirniger verbohrter Kleinbürger raffst es nicht, und du willst es einfach nicht raffen!? Ich halte mich auch komplett aus Online Diskussionen raus, weil ich realistisch genug bin zu wissen, dass es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist und die Mühe nicht wert. Die nächsten 5 nehmen sowieso keinen Bezug drauf, sondern brüllen irgendwas dämliches in den Äther.

Das hat wenig mit Political Correctness zu tun. Mit Political Correctness habe nämlich auch ich ein Problem, denn sie fungiert wie ein Schalldämpfer, oder ein Vorhang, der verbirgt, was viele Leute eigentlich sagen, wenn sie sagen was sie sagen. Nun wird der Begriff an sich ja auch schon längst von unseren rechts-nationalen Alphatierchen gedisst. Diese verwechseln Political Correctness allerdings mit Regeln des Anstands. Der Damm ist gebrochen, unterirdischste Kommentare werden losgetreten und verstärken sich in entsprechenden filterbubbles selbst, bis alle es glauben. Das ist nicht mehr nur nicht PC, sondern total zurückgeblieben und verachtenswert.

Kaum zu glauben, dass ich vor Jahren mal politische Online Kommunikation und Faktoren, die solche Diskurse wahrscheinlicher gelingen lassen, wissenschaftlich untersucht habe. Vergeudete Lebensmüh? Kommt mir grad so vor.

Jetzt wo wir dank Online Kommentarfunktion wissen, wie die Gruppe, die lange Zeit geschwiegen hat, tickt, können wir bitte zurückkehren zu Katzenvideos und Fail-Compilations?

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