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Ein gewisses Maß an Selbstzerstörung

Ich hab ja gedacht, Berlin sei ne Großstadt, aber wenn man sich mal auf London einlässt, stelllt man schnell fest, wie gemütlich die deutsche Hauptstadt eigentlich ist. Also erstmal bin ich vor allem kontinuierlich auf der Hut, nicht überfahren zu werden. Der Verkehr ist lächerlich, das Recht des Stärkeren wird hier relativ ausgiebig zelebriert. Auf dem Fahrrad nimmt das Ganze dann auch mal ziemlich suizidale Züge an. Und damit meine ich nicht den Linksverkehr, sich darüber zu beklagen, wär lame und alt.

Die öffentlichen Verkehrsmittel gehen immer und überall vor, da wird man als Radfahrer auch schonmal abgedrängt, wenn man einem Busfahrer oder Taxi nicht passt. Wenn man im Augenwinkel den Doppeldecker hinter sich drängeln sieht und er sich daran versucht, dich innen zu überholen, macht man dann auch schonmal freiwillig Platz. Als überzeugter Radler fällt es mir nicht leicht das zu sagen, aber es sind auch die Fahrradfahrer hier, die zum Kampf geradezu auffordern. Ohne Rücksicht auf (eigene) Verluste brettern die mit ihren teuren Rennmaschinen und völlig unkontrolliert durch Autos hindurch und über Kreuzungen hinweg, dass es einem schlecht wird. Die Blumen, die hier ums Eck an der Laterne hängen, sollten einem eigentlich Warnung genug sein.

Wenn ich aber von ArbeitskollegInnen höre, was morgens an ihren U-Bahn-Stationen los ist (wartendende Pendler, die auf der Straße drängeln, um überhaupt runter in die Schächte vorzudringen), weiß ich wieder sofort, warum ich das tue. Darauf hätte ich ja noch viel weniger Bock als mich mit dem motorisierten Verkehr anzulegen.

Allzu viel hab ich von der Stadt noch nicht gesehen, muss ich zugeben, aber Schritt für Schritt versuche ich, die Gegend zu erschließen. Angefangen mit nem abendlichen Spaziergang in der nördlichen Hood rund um Tower Bridge. Die Architektur bei Nacht hier ist unglaublich. Hört man wahrscheinlich nicht oft als eine der ersten Attribute über diese Stadt, aber die ist einfach mal echt schön.

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Triple Rainbow, all the way!

Island 2014: Ein uninformativer Reisebericht mit halbwegs guten Fotos


 

Schonmal bei 3 Grad Celsius und eisigem Wind gezeltet? Ich auch nicht, bis ich mich spontan entschied, mit zwei Freunden (die sich vorher nicht kannten) diesem Island einen Besuch abzustatten. Das Island, was angeblich boomt. Was das heißt, kann man sich aber im Grunde vorstellen: 10-Tage-Bustour unter Anleitung, mit Übernachtung im 4-Sterne-Hotel, Abenteuer-Exkursionen im beheizten Jeep, und einem Satz langer Unterhosen für die Überraschten („Oh, is ja kalt hier“) wenn man doch mal das Auto verlassen muss.

Meine 2 Wurstköppe von Begleitern

Meine 2 Wurstköppe von Begleitern

Regen oder nich Regen? Das is öfters mal die Frage.

Regen oder nich Regen? Das is öfters mal die Frage.

Für viele ist der Ort aber zugegebenermaßen noch ein Paradies für Experimente und eine gewollte Gelegenheit, den inneren Schweinehund herauszufordern. Für mich bedeutete das durchaus einfach mal, mit 2 Paar Socken, Mütze und Fleece zu campen, am nächsten Morgen bei eisigem Wind möglichst schnell Porridge (gabs jeden Tag) herzustellen und sich dann von der Heizung im Auto langsam wieder auf Temperatur  bringen zu lassen. Ok, wir haben nur die Hälfte der Nächte unserer Woche dort im Zelt verbracht, weil war ja auch Urlaub irgendwie, oder sollte es zumindest sein. Ich fand die Mischung gut, der eine wollte es mehr hardcore, der andere lauschig warm wenn immer es ging. Bei den Preisen dort wird man außerdem nicht nur komfortabstinent, sondern überlegt sich mehrmals ob man denn jetzt unbedingt ein Bier für umgerechnet 7 Euro trinken muss. Also, zumindest hab ich mir das gedacht. Die anderen beiden haben einfach bestellt und sich nachher empört, als wär nur ausgerechnet dort so schweineteuer: “Man, das glaubst du nicht. Das kleine Bier hat 5 Euro gekostet.” – “Doch, glaub ich. Mit ein Grund, warum ichs hab sein lassen.” Ein bisschen back-to-the-roots halt im Endeffekt, auch wenn das nur im Hinblick auf unsere verwöhnt-hedonistische westeuropäische Lebensweise gelten kann, schätz ich.
Irgendwo hatten wir gelesen, die isländische Mentalität gegenüber Touristen ließe sich mit „distanzierter Freundlichkeit“ umschreiben. Fanden wir passend. Auch wenn die erste Interaktion so aussah: Am Flughafen angekommen, geht einer von uns zum Taxifahrer draußen vor der Tür.
„Excuse me, is it possible to pay with Euro? We are not sure if the airport is the right place to change money…“
– „What? You come to Iceland and worry about 2 Euros? Are you going to lose your house now?“
Wo genau is jetz die Freundlichkeit in „distanzierter Freundlichkeit“? Oder die Distanz?
Naja, wir haben dann Geld getauscht und nen anderen Taxifahrer erwischt, der schon mehr Freundlichkeit an den Tag gelegt hat. So freundlich, dass er in suizidal-rücksichtsvoller Weise sogar einer die Straße kreuzenden Katze das Leben gerettet hat durch ein Ausweichmanöver, welches im Gegenzug fast vier erwachsenen Menschen Kopf und Kragen gekostet hätte. Seine Erklärung hatte allerdings was für sich und stieß bei uns auf vollstes Verständnis:
„Yesterday I had my kids in the car and drove over a duck. I never want to have this situation again.“ Wir sind zwar nicht seine Kinder, aber ok, ich mag Menschen die Rücksicht nehmen. Rücksicht is besser als Vorsicht. Nee, andersrum. Nee, auch nicht.
Im Hostel, welches in den allermeisten Fällen wohl eher als Durchgangsstation zum oder vom Flughafen dient („it used to be for people seeking Asylum“), waren wir die einzigen auf weiter Flur, so dass wir den ersten Porridge des Urlaubs richtig zelebrieren konnten, bevor wir den Mietwagen abholten.

Wie inner Werbung. Marke verrat ich aber nich.

Wie inner Werbung. Marke verrat ich aber nich.

Dieser sollte uns gleich am zweiten Tag treue Dienste erweisen als wir über die reudigsten Pisten auf Abraten aller Allradfahrer und ausdrücklichem Verbot der Mietfirma (wie gut, dass meinen Blog niemand liest außer mir selbst) das wunderschöne Wanderparadies Landmannalaugar ansteuerten. Achso, ich will ja der Chronologie halber nix unterschlagen hier: Tag 1 bestand aus dem sogenannten „Goldenen Zirkel“, mit Phingvellir Nationalpark (Aufeinandertreffen der tektonischen Platten, erstes Parlament und Hexenverbrennung und so), Gullfoss Wasserfall (ähnlich viel Wasserdurchlauf wie bei den Niagarafällen, jaja) und Geysir, einem Geysir (und Menschen rund herum, die mit ihrem Finger auf dem Auslöser auf die riesige Ejakulation warten). War ja alles ganz schön, aber richtig toll kann es nirgendwo sein, wo Busladungen an Menschen aus- und wieder einsteigen, man Geld für die Benutzung der Toilette zahlen muss und lächerlich teure Snacks angeboten werden. Obwohl der Wasserfall, der war schon ziemlich geil.

Gullfoss

Gullfoss

Daher zurück zu Landmannalaugar (zum Glück muss ich das Wort nur schreiben und nicht aussprechen. Da hat je nach linguistischer Herkunft ziemliche Narrenfreiheit geherrscht). Berge wie mit buntem Mehl überzogen, Lavawüsten, Moosfelder… und heiße Quellen. Im Tal wartete ein dampfender Fluss, in den man seine von der Wanderung geschundenen Gliedmaßen tauchen konnte und aus dem man eigentlich auch nie wieder raus wollte. Schon auf dem Weg zurück zum Zelt sind mir die Füße einfach eingefroren. Was auch daran gelegen haben könnte, dass ich besonders lässig zurückspaziert bin, um hart zu wirken.

Landmannadingsbums

Landmannadingsbums

Inception: A photographer within a photo of a photographer

Inception: A photographer within a photo of a photographer

Unser internetaffines (freundlich ausgedrückt) Mitglied der Gruppe lotste uns am nächsten Tag (war dann nur noch ein halber Tag nachdem wir unser armes Auto wieder zurück über Stock und Stein peitschen mussten) zu einem Flugzeugwrack aus dem Zweiten Weltkrieg. Am schwarzen steinigen Strand hat es seine letzte Ruhestätte gefunden und wurde zum beschmieren und ausschlachten freigegeben. Trotzdem hatte der Anblick was surreales. Wie inmitten einer Mondwüste tauchte das Wrack plötzlich vor den brechenden Wellen des kalten Atlantiks auf.

Wo immer eine Kamera war, hielt er seine Fresse rein

Wo immer eine Kamera war, hielt er seine Fresse rein

Tag 4 bescherte uns dann einen unverhofften Sonnentag und eine unfassbar spektakuläre Wanderung auf einen der vielen Gletscher: Skaftafell. Was mit einem Spaziergang durch bunte Wiesen begann, endete mit einem steilen Aufstieg auf losem Geröll und durch pappigen Schnee. Ich hab was witziges in das Gästebuch aufm Gipfel geschrieben. Wer demnächst mal da is, kann es dann lesen, ne.

Aufm Weg runter

Aufm Weg runter

Nächstes Highlight: Jokulsalon (flacherweise von uns Friseursalon genannt, denn so wussten wir, dass wir über das gleiche sprechen), der bekannte Gletschersee, der übrigens auch als Drehort für einen Bond-Film hergehalten hat. Da wo Pierce Brosnan mit seinem Aston Martin durch den Eispalast brettert um die Halle Berry vorm Ertrinken zu retten, während der Bösewicht auf seinem Eisgefährt durch die Eisberge braust. Haareraufende Action. Hab ich erst paar Tage nach meiner Reise im ZDF-Montagskino gesehen und gleich wiedererkannt.

Dreckisches altes Eis

Dreckisches altes Eis

Der Eisbergsee markierte zugleich den östlichsten Punkt unserer Reise und von da an machten wir uns wieder auf den Rückweg in Richtung Reykjavik. Über den südlichsten Punkt der Insel, wenn wir schon dabei sind. So ein Kap bzw. ne Küste wie ich sie mir in Irland vorstelle. Ich war zwar noch nie in Irland, aber so muss es da sein: Rau, windig, regnerisch, bisschen grün und auch grau, und viele Felsen. Dort erzählte uns auch eine Frau, um deren Meinung wir eigentlich nicht explizit gebeten hatten, dass ihre Freunde einmal 900 Euro Strafe an die Mietwagenfirma zahlen mussten, nachdem diese per GPS nachvollziehen konnte, welche verbotenen Holperpisten befahren wurden. Nach dieser Info haben wir uns unverzüglich gegenseitig eingeredet, dass unser Gefährt sicherlich nicht im Besitz eines solchen Peilsenders ist. Womit wir glücklicherweise Recht behalten sollten.

Am Skogarfoss, einem ganz und gar eindrucksvollen Wasserfall nächtigten wir schließlich in einem Hostel, wo wir zuerst Kontakt zu einem menschlichen holländischen Wesen in Form einer längeren Konversation aufnahmen und sinnloserweise den Tag mit nem Tom Cruise Blockbuster beendeten. Weils halt möglich war. PayTV.

Da hätte sich Peter André mal drunter stellen sollen

Skogarfoss: Da hätte sich Peter André mal drunter stellen sollen

Die letzte Wanderung am darauffolgenden Tag erforderte uns einiges ab. Ein Stück echtes Abenteuer, als wir zu einer Hütte am Berg marschierten, knietief im Schnee, ohne Plan wie wir eine kleine Schlucht überwinden sollten, da der Schnee den Pfad nicht erkennen ließ. Wir probierten dann unser Glück mit den aufmunternden Worten meines Kumpanen: „Wenn wir das jetzt versuchen, widerspricht das allem, was ich jemals in den Bergen gelernt habe.“ Geil, los! Wir habens geschafft, nervös war ich aber schon. In der Zwischenzeit haben sich Schneesturm und praller Sonnenschein im Minutentakt abgewechselt. Unberechenbar, dieses Island.

Einer der besten Wow-Momente für mich

Einer der besten Wow-Momente für mich

Seht ihr? Keine Spuren vor uns!

Seht ihr? Keine Spuren vor uns!

Meine Fersen sahen danach jedenfalls aus wie fies gefoltert und entstellt, und unsere Wanderschuhe verströmten ein sinnliches Aroma im Auto auf der Fahrt nach Reykjavik, unserer letzten Station. Der letzte Tag hatte dann in etwa folgenden Ablauf: Porridge, klitschnass nach 2 Minuten im Regen, Auto nehmen, 10 Minuten später Auto wieder zurückfahren weil kein Parkplatz gefunden, kein Regen mehr, Museum, die gleiche Straße zum fünften Mal entlang gehen, Kuchen vertilgen, darüber klagen wie teuer alles is, trotzdem wieder delikat speisen, ins Kino gehen, zum Flughafen fahren und Auto irgendwo abstellen („Ihr könnt den Schlüssel einfach stecken lassen“. Aha!).
Mutter Natur hat uns einige neue Dinge gelehrt. Ich glaube, schon die Vikinger haben große Augen gemacht, als ihnen der sturmartige Wind das Pipi in unendliche kleine Partikel zerstäubte. Wie gut, dass es heutzutage Regenhosen gibt, die keine Spuren hinterlassen. Und was gabs noch? Achja: Regenbögen bis zum Erbrechen.

Die Besserwisser (Achtung: langweiliger als die Überschrift vermuten lässt!)

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Und hier bestätigt sich mal wieder meine Theorie, dass AfD-Sympathisanten überdurchschittlich viel kommentieren müssen. Selbst in den unpopulärsten Gefilden jenseits jeglicher Relevanz in Sachen Meinungsbildung, nämlich dort, wo sich mein Artikel finden lässt, verspüren die Unermüdlichen der Nights Watch des nationalistischen Biermeiertums den zwanghaften Drang, ihr in der Wahlkabine getätigtes Kreuzchen zu rechtfertigen. Is doch ok. Von mir aus. Der Tellerrand ist halt groß, mein Gott.

Aha. Soso. Mmh ja!

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Also ich weiß ja nicht, wie es anderen Leuten da geht, aber ich finde die Leserkommentare bei Onlineartikeln oft aufschlussreicher als die Artikel selber. Das Resultat ist zwar meistens das gleiche, und zwar, dass ich irgendwann innerlich zu aufgewühlt bin, um weiter zu lesen. Aber schon auch spannend, wie die Leute so ticken. Zumindest hat jedeR zweite KommentatorIn die Weltformel entdeckt. Alles total einfach eigentlich.

Tut Ihr Euch das auch an? Dann will ich von euch (3-6) Lesern und Leserinnen wissen:

Wenn ich wen vergessen hab, dürft ihr natürlich in den unmoderierten Kommentaren ergänzen und haten, wie sich das gehört.

Ein Reisebericht

Ich dachte ja mal, ich würde eine anständige Reisereportage schreiben, die ich dann irgendwo im Netz unterkriege. Meine Mühen derenthalb waren überschaubar und so droht diese Reportage über eine Reise jenseits der ausgetretenen Pfade in Myanmar auf meiner Festplatte zu verschimmeln. Wär schade. Also:


 

 

Mühsam ernährt sich der Abenteuerlustige

Wer in Myanmar außerhalb der touristischen Hot-Spots reisen will, braucht Spontaneität, gutes Sitzfleisch und am besten viel Zeit. Als Belohnung winkt ein authentischer Einblick in das alltägliche Leben der Burmesen und ehrlich gemeinte Freundlichkeit.

„Relax and enjoy the wonderful journey!“ lullt die Stimme vom Band mich und meine Begleitung ein, kurz nachdem sich der Bus in Bewegung gesetzt hat. Lässt man die grundsätzlich übertrieben kalt eingestellten Klimaanlagen sowie die Vorführung popkultureller Irrwege im Bordfernsehen außer Acht, so ist die 10-stündige Fahrt von der ehemaligen Hauptstadt Rangun zur Tempelstadt Bagan, für viele Highlight und Mittelpunkt ihrer Reise, durchaus komfortabel. Nicht „wundervoll“ wie versprochen, aber mit europäischen Standards allemal vergleichbar.

Zwischen den Hauptattraktionen des Landes, Rangun im Süden und Inle Lake sowie Bagan in der Mitte des Landes, verkehren private Reisebusunternehmen mit einem modernen Fuhrpark. Der 2010 eröffnete Expressway zwischen Rangun und Mandalay sorgt zudem dafür, dass im Gegensatz zu den meisten anderen Verkehrsmitteln relativ zuverlässige Zeitpläne eingehalten werden können.

Besuchermagnet Bagan: Die alte Königsstadt umfasst über 2000 Tempel und Pagoden

Besuchermagnet Bagan: Die alte Königsstadt umfasst über 2000 Tempel und Pagoden

Geldautomaten und E-Bikes

Steigende Besucherzahlen haben in diesen touristisch reizvollen Gegenden eine rasante Entwicklung in Gang gesetzt. Vor zwei Jahren gab es in dem Land so gut wie keine Geldautomaten. Dementsprechend rieten Reiseführer, sämtliches Bargeld in US-Dollar einzuführen und vor Ort zu tauschen. Ein weiteres Problem war jedoch, dass der Kurs offizieller Wechselstuben nur ein lächerlicher Bruchteil dessen war, was man auf dem Schwarzmarkt erhielt. Heute sind in Rangun an den touristischen Durchlaufstellen wie der Schwedagon Pagode oder dem Bogyoke Markt Zellen mit der Aufschrift „ATM“ aufgestellt und der Wechselkurs in den vielen Wechselstuben scheint relativ stabil zu sein. Die Preise für Unterkünfte sind unterdessen unverhältnismäßig stark angestiegen, Angaben nicht aktueller Travelguides können höchstens zur groben Orientierung dienen. Und in Bagan prägen seit kurzer Zeit E-Bikes das Bild, mit deren Hilfe die Besucher und Besucherinnen das riesige Gelände erkunden können.

All diese Entwicklungsprozesse machen das Reisen für die Besucher leichter und scheinen unvermeidbare Folgen einer schleichenden Öffnung des Landes zu sein. Für diejenigen, die sich durch einen Besuch Myanmars erhoffen, dem eigenen Entdeckergeist eine Spielwiese zu bieten, bedeuten solche Annehmlichkeiten jedoch gleichzeitig eine gewisse Entindividualisierung ihres exotisch geglaubten Reiseziels. Reisen wird zur Schablone. Man folgt den bereits niedergetrampelten Pfaden, wo man sich doch erhofft hatte, jenseits des südostasiatischen Massentourismus á la Laos, Vietnam, Kambodscha und dem benachbarten Thailand eine Oase der Authentizität und Ursprünglichkeit aufzuspüren.

Hier ist immer am meisten los: Freie Internetzone an der Schwedagon.

Hier ist immer am meisten los: Freie Internetzone an der Schwedagon.

Natürlich ist die Gleichsetzung mit dem Nachbarn im Osten, zu denen jährlich massenhaft Europäer und Europäerinnen mit zweifelhaften Absichten reisen, zu diesem Zeitpunkt nicht zulässig. Hoffentlich bleibt das auch so. Die gute Nachricht für alle, in denen eine ordentliche Portion Explorer steckt: Myanmar bietet nach wie vor ausreichend Möglichkeiten für abenteuerlustige „Treshaw-Tourists“. So nennt So So, unser Tourguide in Mandalay, jene Abenteuerlustige, die sich mit ihrem Rucksack bepackt ins Getümmel schmeißen, die einheimische Kultur aufsaugen und sich von ihrer Neugier auf Land und Leute treiben lassen. Treshaws sind nichts anderes als Fahrräder mit Beifahrersitz und stehen in diesem Zusammenhang für die bewusste Entscheidung, das klimatisierte Taxi, welches einen von A nach B bringt, einzutauschen gegen die unbequemere aber authentische Variante der Fortbewegung, in der man auch mal Staub fressen muss und Zeit keine allzu große Rolle spielen sollte. An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass „Lonely Planet Touristen“ für So So eine ganz eigene Gruppe von Reisenden darstellen. Eine Gruppe, die sich seiner Ansicht nach sklavisch an ihr Buch hält und sich infolgedessen oftmals der Realität verweigert und spontanen Auseinandersetzungen systematisch aus dem Weg geht.

Jenseits der Ameisenstraße

Diesen Gedanken folgend war Ziel unserer Reise, sich von Mandalay aus über Land in den Norden Myanmars hochzuarbeiten, um von dort aus auf dem Wasserweg wieder den Rückweg anzutreten. Soweit der Plan. Um es vorweg zu nehmen: Nichts hat so geklappt wie geplant. Änderungen der Route oder im Zeitplan waren an der Tagesordnung, weil die Infrastruktur ihren Namen nicht wirklich verdient. Bahn fahren hat dort relativ wenig mit einer Fahrt von, sagen wir, Köln nach Dortmund gemein, egal ob Regionalbahn oder ICE. Ein Fahrplan existiert zwar, ist allerdings mehr als grobe Orientierung zu verstehen.

Auf Verspätungen eingestellt: Wartende am Bahnhof Mandalay

Auf Verspätungen eingestellt: Wartende am Bahnhof Mandalay

So fuhr der anvisierte Zug in Richtung Myitkyina mal eben mit drei Stunden Verspätung ab, und aus den angekündigten 22 Stunden Fahrt wurden letztlich 27 Stunden, bei denen man hätte seekrank werden müssen, wenn es sich an Stelle der etwas mitgenommenen Schienen (die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen) um ein Gewässer mit heftigem Wellengang gehandelt hätte. Dass man festen Boden unter den wackelnden Waggons hat, daran wird man jedoch regelmäßig erinnert. Sobald der Zug seine Durchschnittsgeschwindigkeit (gefühlt Schritttempo) überschreitet, werden die Passagiere wie in einer Achterbahn aus ihren Sitzen geschleudert. Die Kinder nehmen es mit Freude hin, und auch die Erwachsenen mischen ihren angestrengten Blicken ein wenig kindische Begeisterung bei.

Aussicht genießen statt quengeln: Kinder haben ihren Spaß

Aussicht genießen statt quengeln: Kinder haben ihren Spaß

Relativ schnell wird klar, warum eins der beliebtesten Gepäckstücke der Reisenden faltbare Matten sind. Da die Sitze trotz Upper Class-Aufschlag bepolsterten Pritschen ähneln, sucht sich ein Teil der Passagiere für die Nacht eine Nische am Boden, um ein wenig Schlaf zu finden. Angesichts der Zigarettenasche (geraucht werden darf überall) und den sich sammelnden Essensresten ist solch ein Utensil durchaus lohnenswert, aber für einen Europäer von 190cm Größe wie mich ist das ganze Unterfangen ohnehin ziemlich aussichtslos. Viele Burmesen sind es scheinbar gewohnt, es sich auf kleinem Raum bequem zu machen. Anerkennend höre ich das kontinuierliche Schnarchen des Kollegen hinter mir, der sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lässt. Schließlich kommt ja noch hinzu, dass im Minutentakt Verkäufer mit allerhand unidentifizierbarer Waren und Verkäuferinnen mit frisch zubereitetem Essen durch die Waggons schlendern und ihre Produkte lauthals bewerben. An jeder Station werden Speisen und Getränke durchs Fenster gereicht im Austausch gegen ein paar Kyat. Auch wir greifen regelmäßig zu, probieren allerhand frisch Zubereitetes. Meistens Reis in sämtlichen Ausprägungen: im Bambusröhrchen, schlicht oder aromatisiert, mit diversen Fleischcurrys oder haufenweise Gemüse. Für ein Gericht wird nie mehr als ein Dollar fällig und man bekommt es gleich an den Platz gebracht. Ein bisschen ungewollten Erste-Klasse-Flair hat das Ganze also doch.

Jeder Halt offenbart lokale Köstlichkeiten

Jeder Halt offenbart lokale Köstlichkeiten

Pläne sind dazu da, um verworfen zu werden

Die vorbeiziehende Szenerie ist spektakulär. Dschungel wechselt sich mit bewirtschaftetem Hochplateau ab. Reis, Getreide, Sonnenblumen, Vieh, und zwischendurch kleine Ortschaften, in denen fast immer eine Tempelanlage mit vergoldeter Pagode das Bild dominiert. Als am Folgetag draußen vor dem Fenster dann aber erneut die Sonne der Dunkelheit weicht und damit ein weiterer Tag der wertvollen Urlaubszeit im Sitzen verstreicht, wird der Geduldsfaden langsam aber sicher immer dünner. Der pünktlichkeitsvernarrte Europäer mit einer zwangsweise durch Komfort geprägten Sozialisation wird auf eine harte Probe gestellt, während der Zug weiterhin viel zu langsam aber dafür heftig durch die Prärie juckelt, deren Schönheit nun nicht mal mehr bestaunt werden kann. Wie lang war nochmal der Flug von Berlin nach Bangkok? 12 Stunden? Absurd. Aber schließlich finden alle Reisen irgendwann ihr Ende, und zwei im Boardrestaurant gestürzte Bier später erreichen wir Myitkyina. Endstation.

Nie wieder mit diesem Zug, denke ich in diesem Augenblick. Von jetzt an wird alles entspannter. Mit dem Boot auf dem Ayeyarwady hinunter treiben und die Seele baumeln lassen. Zeit spielt von nun an keine Rolle mehr. Denken wir.

Am nächsten Morgen stehen wir pünktlich am Hafen bzw. einer Schotterpiste, die ins Wasser führt wo bereits das Boot liegt. Fünf entgeisterte Burmesen schauen uns fragend an. „We would like to get on the boat to Sinbo“, sage ich, als ob das nicht eigentlich ersichtlich sein sollte. Pause. „No foreigners allowed“, so die Antwort. Zuerst denken wir, wir seien am falschen Steg oder ein anderes Boot fährt zu einer anderen Zeit. Zurück in der Stadt erfahren wir jedoch, dass die Regierung vor kurzem die Bootsstrecke zwischen Myitkyna und Katar für Touristen gesperrt hat. Warum, wollen wir wissen. Die offizielle Erklärung ist, dass es zu gefährlich sei, wenn der Fluss so wenig Wasser trage. Innerhalb der Lokalbevölkerung ist man sich allerdings recht sicher, dass derlei Maßnahmen die Isolation der Minderheitengruppen in der Peripherie vorantreiben sollen.

27 Stunden Zugfahrt später: Endlich angekommen im hohen Norden.

27 Stunden Zugfahrt später: Endlich angekommen im hohen Norden.

Politik rückt ins Blickfeld

Generell sind wir erstaunt, wie offen die Missstände im Land angeprangert werden. Berücksichtigt man die Tatsache, dass Regierungskritiker nach wie vor verfolgt werden und nicht selten verschwinden, verwundert die offen ausgesprochene Anklage an die Militärführung. Wie so oft, wenn der Alltag genug Aufgaben bereithält, um sich noch um Politik zu kümmern, hat bei vielen Bewohnern nach Jahren der Repression ein Zustand zynischer Resignation eingesetzt. „Politics is bullshit! They have always fooled us and they still think we are foolish“, teilt uns ein Bewohner beim gemeinsamen Abendessen mit. Dennoch ist er wie viele seiner Freunde nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt freiwillig nach Myitkyina zurückgekehrt, um sich für die Menschen dort einzusetzen.

Myitkyina ist die Hauptstadt des Kachin Staats im Norden des Landes an der Grenze zu China im Nordosten und Indien im Westen. Die Wurzeln der Kachin liegen in der Mongolei und im Gegensatz zum Rest des Landes ist die Mehrheit christlichen Glaubens. Burmesen bzw. die Gruppe der Bamar bilden zwar die größte Volksgruppe in Myanmar, jedoch gibt es noch eine Menge andere ethnische Gruppierungen wie Shan, Mon, Chin, Rohingya, Karen oder eben Kachin. Die mit harter Hand führende Regierung ist dafür bekannt, mit ihren Minderheiten nicht gerade zimperlich umzugehen. Das zeigt aktuell beispielsweise die Flüchtlingsproblematik der Rohingya-Muslime im Westen des Landes, denen Staatsbürgerschaft und zivile Rechte verweigert werden. Infolge ihres illegalen Status sehen sich viele Rohingya gezwungen, sich die „Hilfe“ von Schlepperbanden zu erkaufen, was nicht selten tragisch ausgeht. Für uns persönlich bedeutet diese restriktive Politik erstmal nur, dass die Bootstour zu diesem Zeitpunkt ausfallen muss. Die einzige Möglichkeit, die Stadt zu verlassen: Der Zug!

Kein Transportmittel wird ausgelassen

Obwohl der Zug diesmal pünktlich abfährt, haben wir am Ende wieder zwei Stunden Verspätung. Anstelle einer durchgesessenen Pritsche haben wir diesmal unseren eigenen Sitz. Zugegebenermaßen haben wir uns beim Anblick der Holzklasse, die aus allen Nähten platzt, und im Gedenken an die harte Hinfahrt erneut in der Upper Class einquartiert. Familien prägen größtenteils das Bild. Plötzlich stehen zwei Kinder, vermutlich Bruder und Schwester, neben unseren Sitzen und halten uns Limonade und Kekse hin. Dankend nehmen wir die Geschenke an, die mit dem Lächeln der Familie und des halben Zugabteils garniert werden. Wir sind gerührt und fühlen uns ein wenig schlecht, dass wir nichts im Gepäck haben, um diese Geste zu erwidern.

Wir steigen in Naba aus, was ungefähr auf halbem Weg zurück in Richtung Mandalay liegt, mit dem Ziel, wenigstens das letzte Wegstück mit dem Boot zurücklegen zu können. Um nach Katar, wo das Boot ablegt, zu gelangen, müssen wir aber zuerst auf einen Pick-Up Truck springen, der Naba mit der Stadt am Fluss verbindet. Auf einer Holzpritsche zwischen vollbepackten Burmesinnen sitzend geht es mit dem motorisierten Dreirad für eine Stunde über Stock und Stein. Abwechselnd stoße ich mir den Kopf oben am Gestänge an, was ab und an Gekicher auslöst, und kriege den Staub überholender Fahrzeuge in Augen und Lunge, was wiederum bei den anderen ebenfalls keine Begeisterungsstürme auslöst. Das Panorama entschädigt für alle Unannehmlichkeiten und sowieso kommt uns nach einer erneuten langen Zugreise ein bisschen Action nur recht. Wir fahren los, als die Sonne gerade mit dem Dschungel am Horizont verschmilzt und erreichen Katar im Dunkeln.

Verkehrssicherheit wird hier noch nicht so groß geschrieben

Verkehrssicherheit wird hier noch nicht so groß geschrieben

Das Boot legt um 5 Uhr morgens noch vor Sonnenaufgang ab. Schnell wird uns klar, dass auch dieser Teil der Reise nicht die erhoffte Erholung bringen wird. Übermüdet warten wir darauf, dass die Sonne uns mit der Umgebung vertraut macht, während das Boot im Zickzack den Fluss hinunter schippert und sich dabei stetig mit Leuten sowie deren Mitbringsel füllt. Möbel werden ebenso auf das Dach verladen wie säckeweise Nahrungsmittel und ein Motorroller. Offensichtlich fungiert der Kutter als unverzichtbares Transportmittel der dort Ansässigen. Währenddessen versuchen wir, der Fahrt einen Anstrich von Urlaub zu verpassen, indem wir es uns zwischen dem Sperrgepäck so bequem wie möglich machen und das Umland des Ayeyarwadys genießen. Als wir beginnen Sonnencreme auf Gesicht, Arme und Beine aufzutragen, begegnen uns erstaunte und verständnislose Blicke der in Jacken gehüllten und mit Hüten ausgestatteten Leute um uns herum. In der Zwischenzeit legt der Kapitän durchgehend an den unscheinbarsten Stellen an, um weitere Passagiere an Bord zu nehmen. So verwundert es auch nicht, dass wir mit Einbruch der Dunkelheit nicht wie vorgesehen in Mandalay einlaufen, sondern mitten auf dem Fluss planlos umherirren auf der Suche nach einer Stelle, die tief genug ist, um sich als Fahrrinne zu eignen. Zu diesem Zweck steht ein Helfer am Bug und stochert kontinuierlich mit einem markierten Stock im Wasser herum. Jedesmal, wenn das Boot den Rückwärtsgang einlegt, ziehen dabei die ungefilterten Abgase durch die Reihen. Es riecht schlimmer als auf einer Tankstelle und das Atmen fällt schwer.

Auch Schränke finden auf dem Boot Platz, wenn es sein muss. Mehr Transportmittel als Urlaubsdampfer.

Auch Schränke finden auf dem Boot Platz, wenn es sein muss. Mehr Transportmittel als Urlaubsdampfer.

Die Tatsache, dass es sich ein Großteil der Reisenden mittlerweile wieder auf ihren Pritschen gemütlich gemacht hat und versucht, ein Auge zuzudrücken, macht uns nicht unbedingt Mut hinsichtlich einer baldigen Ankunft. Stattdessen versammeln sich urplötzlich tausende mottenähnlicher Insekten um die leuchtenden Neonröhren an Bord, bis zu dem Punkt, an dem alle um sich schlagen, sich Decken über den Kopf werfen oder fluchtartig an Deck klettern. Irgendwann kommt jemand auf die clevere Idee, der hitchcockartigen Situation durch Ausknipsen der Lampen ein Ende zu bereiten und wir tuckern in völliger Dunkelheit weiter ins Ungewisse.

Als wir in Mandalay anlegen, sind wir angespannt und erleichtert zugleich. 16 Stunden auf dem Dampfer zehren an den Kräften. Der ursprüngliche Plan, mit dem Nachtbus gleich weiter nach Rangun zu fahren, ist auf Grund der Verspätung nicht mehr umsetzbar. Da allerdings zu diesem Zeitpunkt ein kühles Bier und ein Bett zum Schlafen sowieso einen größeren Reiz ausüben, stört uns das nicht. Ein Motorradfahrer erspäht uns von der anderen Straßenseite, ruft einen zweiten Kollegen herbei und im Nu erreichen wir auf ihren Rücksitzen das nächste Hotel, wo wir den Schlaf der Gerechten in Anspruch nehmen.

Abenteuer oder Komfort?

Zweifellos war die Reise in den Norden beschwerlich. Die Frage ist wohl, wieviel man bereit ist, auf sich zu nehmen, um in Gegenden vorzudringen, die bisher vergleichsweise wenige Touristen aufgesucht haben. Als Belohnung winkt einem ein authentischer Einblick in das Alltagsleben der Einheimischen und das Gefühl, diese Ursprünglichkeit mit Händen fassen zu können. Die Burmesen machen es einem durch ihre offenherzige und freundliche Art dabei einfach, die Strapazen schnell wieder zu vergessen. Erwidert man die neugierigen bis skeptisch wirkenden Blicke der Leute mit einem Lächeln und obendrein einem grüßenden „Mingalabar“, erntet man dafür in den meisten Fällen warmherzige Sympathiebekundungen.

Insofern werden einem durch die verbindliche Art der Leute bereits einige Steine aus dem Weg geräumt. Die Hindernisse, die durch das schlechte Verkehrsnetz und die begrenzte Zugänglichkeit bestimmter Regionen entstehen, werden durch die Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen mehr als aufgewogen. Womöglich ist letzteres sogar ein Stück weit als Folge der widrigen Umstände zu verstehen. Denn durch komfortablere Reisebedingungen werden immer auch neue Gruppen von Reisenden angezogen wodurch allmählich eine Anpassung an die Bedürfnisse einer zahlungskräftigen Kundschaft stattfindet und Authentizität durch kapitalistische Verwertungsmöglichkeiten ins Hintertreffen gerät. Viele scheuen den Aufwand. Wer im Winter schneebedeckte Hänge hinunterjagt, der weiß, dass selbst die traumhaftesten Pisten nicht an Überbevölkerung leiden, wenn anstelle eines beheizten Sessellifts der alte Schlepper seine Arbeit verrichtet. Ebenfalls lohnenswert ist ein Blick ins benachbarte Thailand. So schön das Land auch sein mag, der Massentourismus hat die Mentalität dort bereits zwangsläufig geprägt. So lange dies in Myanmar noch nicht der Fall ist, gibt es für Backpacker der alten Schule noch genügend zu entdecken.

 

Das Keifen der Giftzwerge

Mit drei Hefeweizen intus kann man entweder deutsche Bundestrainer interviewen oder sich in ein Online-Diskussionsforum einloggen und seine geistigen Ergüsse preisgeben. Es wird ja immer gerne behauptet, das Niveau solcher Onlinediskurse sei unterste Schublade. Stimmt auch. Oft. Man brauch nich lange suchen und findet Beiträge, die einem das Wasser in die Augen treiben, so unterirdisch sind die.

Guckt einfach mal. Jetzt! Z.B. streiken grad die Piloten. Das riecht doch förmlich nach bescheuerten Kommentaren. Und tatsächlich, einfach mal auf Süddeutsche.de gehen. “tiginius” schreibt empört: “warum können die wildgewordenen Gewerkschaftsbonzen nicht endlich schadensersatzpflichtig gemacht werden für die von ihnen angerichteten Kollateralschäden auf Seiten der unbeteiligten Passagiere???” Ich weiß auch nicht, tiginius. Hoffentlich findet sich wer, der dich für deinen Flug von Frankfurt nach München entschädigt, wo du in die Allianz-Arena gehen wolltest, um mit den 50 Euro für die Eintrittskarte den Spielern des FC Bayern ihr Traumgehalt mitzufinanzieren. Merkst du was? Egal.

“bogenhauser2013” hat absolut gar nix zu tun an einem Freitag, ähnlich wie ich, und antwortet auf jeden noch so dummen Kommentar mit einem noch dümmeren. Da sagt einer, der Streik habe zumindest die positive Wirkung einer kurzfristigen CO2-Reduktion. Einer, der die guten Seiten sieht, is doch nett. bogenhauser meint dazu: “1) Die Vulkane pusten im Durchschnitt jedes Jahr mehr CO2 und Feinstaub aus als der Flugverkehr. 2) Die Straßenbahn an der Cosimastraße ist lauter als die startenden Flugzeuge in der dem Flughafen nahest gelegenen Ortschaft.” Ich wär gern einen Tag lang bogenhauser2013. Being Bogenhauser. Bogenhauser Bogenhauser? Bogenhauser!

Auch ein Blick in die “Welt” lohnt (nie). Dort ist ein Interview mit Hamad Abdel-Samad zu lesen, dem boyfriend von Henryk M. Broder. Themen rund um den “Islam” sind ja eh Garanten für große quantitative und geringe qualitative Beteiligung. “daniel drehmer” hat auf jeden Fall die Dinge durchschaut und die einzig richtige Lösung parat: “Dieses Land wird einfach aufgegeben. Die Identität Deutschlands ist schon jetzt zu 75% weg. Die 100% erreichen wir, wenn wir einen Bundeskanzler aus “…” haben und unsere Staatreligion “…” ist. Ich (1964er) lebe hier mein Leben zu Ende und verweigere dieser Regierung meine Unterstützung wo es geht. Meine Arbeitszeit und damit mein Gehalt habe ich auf 60% runtergeschraubt. Und ich wähle die Alternative.” Viel Stoff drin in dem Kommentar, wenn auch ohne jeglichen Zusammenhang. Wir leben also noch zu 25% in Deutschland, darum sollten wir 40% weniger arbeiten und verdienen? Clever! Die noch tiefgründigeren Kommentare sind leider nicht mehr zu lesen, da ungefähr jeder dritte Kommentar von der Redaktion gesperrt wurde. Und das soll schon was heißen, denn bei der Welt lässt man auch die deppertsten Aussagen durchgehen. Das Dilemma der Meinungsfreiheit.

Also ich glaub, es gäbe noch so einige Beispiele für hirntoten Stuss, wenn man sich noch ein bisschen umsieht in den Foren. Aber jetz kommts: Der Fehlschluss, der daraus gezogen wird, ist der, dass behauptet wird, in der Offline-Welt Kommunikation werde durch soziale Umgangsformen und fehlende Anonymität nicht so viel rumgekeift. Dann möchte ich da kurz einhaken. Vor kurzem erst gabs folgende Situationen:

1) Ich fahre nachts mit dem Rad nach Hause. Vor mir latscht einer bei Rot über die Straße, so dass ich ausweichen muss. Er: “Ähhh, mach ma Licht an, ähhh!” – “Ich hab doch Licht an.” – “Halt die Fresse!”

2) Im Park joggen gewesen. Einer von drei Halbstarken, die da rumlungern: “Du siehst aus wie ein Stück Scheiße mit zwei Augen aufm Tanga.” Ich hab es versucht, mir vorzustellen, aber schwierig. Tanga auf Scheiße?? Seine Fantasie will ich nicht haben.

Deswegen geh ich wahrscheinlich so wenig unter Menschen. Und auch andere, die ich kenne. Also, in Online-Foren wird sowas wenigstens gelöscht. Wer macht das auf der Straße für mich? Ja wohl niemand. Soll mir niemand kommen und sagen, im Internet würde nur Driss gelabert. Da tummelt sich halt nur alle und jeder. Inhaltlich wertlos, aber so isses. Die verbalen Ausfälle zumindest gibt es nur noch im echten Leben. Kann man mit Humor nehmen, tu ich im Netz auch. Anders ist es ja teilweise nicht zu ertragen.

 

looky looky my friend!

Eine Flut an Eindrücken, die ich erstmal verarbeiten muss seit ich aus Myanmar zurück bin. Myanmar? Is datn Land? Jo, Myanmar hieß mal Birma (oder Burma), bevor die Militärjunta entschieden hat, ein neuer Name, der weniger an die Episode britischer Kolonialherrschaft erinnert, täte gut. Im Westen (oder “links”, wie man im Erdkundeunterricht zu sagen pflegte um den Lehrer zur Verzweiflung zu bringen) grenzt es an Indien und Bangladesh, im Osten an China und Thailand. Also nicht weit weg von da, wo Europäer sich Frauen kaufen. Nee, also kein Scheiß, das hätt ich in diesem Ausmaß so nie gedacht, aber heftig heftig fiederallala, wieviele Körperkläuse man in weiblicher und/oder jugendlicher Begleitung durch Bangkok laufen sieht. Naja, darauf wollt ich ja jetzt gar nicht hinaus. Was Myanmar betrifft, fällt bei vielen der Groschen erst, wenn man den Namen “Aung San Suu Kyi” erwähnt. Bzw. bei “Hausarrest” und “Friedensnobelpreis”. “Ahh, die. In das Land kann man reisen? Ich dachte, da dürfe man gar nicht rein?!” Ja, geht.

Schon geil: Schwedagon bei Nacht.

Schon geil: Schwedagon bei Nacht.

Noch geiler: Das leckere Essen

Noch geiler: Das leckere Essen

Auch wenn der Urlaub kein Urlaub im klassischen Sinne (=Erholung) war, haben sich viele schöne Erinnerungen in mein Hirn eingebrannt. Allen voran die ehrlich gemeinte Herzlichkeit der Burmesen (ich benutz den Begriff jetzt einfach synonym für die EinwohnerInnen Myanmars auch wenn hiermit klar gestellt wird, dass diese eigentlich nur EINE Volksgruppe von vielen darstellen. Right?). Jaja, is jetz nix neues zu sagen: “Die sind so nett!” Das hört man ständig von Leuten, die im Ausland unterwegs waren (außer Italien vielleicht. Und Frankreich. Und Indien. Und China. Wen nerviges vergessen in meiner pauschalen Abkanzelung?) Aber die Einheimischen dort sind wirklich sehr sehr nett!

Es ist nicht kühn zu behaupten, dass die langjährige Isolation und Unterdrückung durch die Militärführung dazu geführt hat, dass den nun vermehrt einströmenden Besuchern große und weitgehend unbefangene Neugier entgegengebracht wird. Skepsis in den Blicken lässt sich meist durch ein breites Lächeln ausräumen. Wenn man dann noch ein “Mingalabar!” (“Hallo!”) hinterher schiebt, hat man eh schon gewonnen. Jeder, der schonmal Länder wie Marokko, Thailand oder Indien bereist hat, wo sich tagtäglich Tausende von Touris durch den Bazar quetschen, weiß, welche Ausmaße die Beziehung Ausländer-Einheimischer besonders an solchen Orten annehmen kann: Der Touri ist der wandelnde Geldautomat, den es möglichst energisch zu bearbeiten gilt, damit er ordentlich Kohle ausspuckt. Irgendwie normal und verständlich, aber trotzdem nervig, weil sich dadurch langsam aber sicher ein grundsätzliches Misstrauen einbrennt, dass ja eh alle Freundlichkeit letztlich nur dem Zweck dient, was herauszuschlagen. Was sich wiederum mies anfühlt, weil man ja niemanden im vorhinein sowas unterstellen will.

Ich musste das erstmal verlernen. Man merkt jedoch sehr schnell, dass die Menschen in Myanmar einen nicht bescheißen wollen. Man kann sich wirklich besten Gewissens auf die Leute einlassen und gegenseitig voneinander lernen. Und am Ende steht eine neue Erfahrung und vielleicht eine Erkenntnis mehr auf der Haben-Seite. Nen Obulus in irgendeiner Art beizusteuern fällt dann auch viel leichter, weil es aus Überzeugung und gutem Willen geschieht.

Fährt man nach beispielsweise nach Bangkok, da ist der Zug längst abgefahren. Der Massentourismus hat die Mentalität nicht unbedingt zum Vorteil geprägt. An Hand eines typischen Marktbesuchs lässt sich eigentlich ganz treffend nachzeichnen, worin sich die beiden Länder unterscheiden:

Auf dem Bogyoke Markt in Rangun gehts schon bisschen offensiver zu, aber meistens steht der Shopbesitzer oder die Standbesitzerin in der Ecke, lässt einen gewähren und grüßt einen überschwänglich sobald man selbiges tut. “Mingalabar!” – “Mingalabar!” Findet man nichts, geht man wieder raus. “Thank you! Bye!” – “Thank you!” Danke, dass ihr mal reingeschaut habt und kommt bald wieder. Findet man doch was: “How much is it?” Meistens ist es dann eh schon echt preiswert, aber es ist halt ein Markt und da handelt man. Wenn man zu weit geht, merkt man es sofort. Wohlwollend und um Verzeihung bittend wird der Vorschlag abgelehnt. “Profit is so small.” Lächeln. Ok, also dann zahl ich natürlich auch mehr. Tut mir ja nicht weh und ist immer noch ein super Deal. Dann kommt meistens auch noch eine nette Geste hinterher, z.B. geben sie einem dann doch noch nen kleinen Rabatt, weil “You are so nice.” Und man strahlt um die Wette.

Süß fand ich auch die Reaktion einer Standverkäuferin, die uns Lackschälchen anpries. Wir teilten ihr mit, dass wir soeben erst solche Schälchen erworben hatten. Was antwortet sie? Ich dachte ja, jetz kommt sowas wie: “Buy more. For family. For friends!” Oder einfach ignorant: “Very cheap!” Aber nein, sie meinte ehrlich enttäuscht: “Ohh, i am too late…” Das waren wir schon baff. Also wer schonmal durch den Souq in Marrakesch gelaufen ist…

Straßenrestaurant

Snack am Bogyoke Markt gefällig?

Feilschende Europäer

Feilschende Europäer

In Bangkok läuft es überall ziemlich gleich. Sobald der eigene Blick auch nur einen x-beliebigen Artikel streift… “Yes? Yes?” Entweder zeigen sie einem gleich noch wahllos irgendwelche anderen Artikel ohne dabei auch nur annähernd den Geschmack zu treffen oder sie zücken gleich ihren Taschenrechner. Der Taschenrechner markiert den Startschuss zum immergleichen Ritual, jetzt hängt man fest. “Normally, this price.” Es wird ein lächerlich hoher Mondpreis eingetippt, den ich wahrscheinlich nicht mal in Deutschland zahlen würde. Dann eine zweite Zahl: “For you, special price!” Am liebsten würde ich weitergehen, weil Handeln ist nicht so mein Ding. Aber während man das so überlegt, kommt schon mehrmals die Aufforderung. “What’s your last price? Give me good price!” – “Ähhhh….” Also tippe ich was ein. Standardmäßige Reaktion: “Nooooo! Give me good price!” Dabei streunen die Blicke der Verkäufer meistens in der Gegend rum. Ich wette, sobald man den Laden verlassen hat, können die sich nicht mehr an dein Gesicht erinnern. Im Falle meiner Freundin endete das Feilschen um ein Kleid so: “Come on, good price! Last price!” – “Hm. I don’t even know if it fits. Can I put it on?” – “No!” – “Ok, I think, i better leave it then, sorry.” – “Fuck youuu!” – “Äh, oh, nice.” – “Yeah yeah, nice nice… fuck you!”

Gut, am laufenden Band müssen die sich mit schäbigen Leuten auseinandersetzen, schätz ich. Besagte Sitauation hat sich in Patpong zugetragen. Dort, wo es nachts nur noch um bezahlten Sex und gekaufte Liebe geht. Ich wär auch längst abgestumpft. Dass man irgendwann nicht mehr als eigenständiges und möglicherweise sympathisches Individuum wahrgenommen wird, ist wohl als Kollateralschaden des ausufernden Massen(sex)tourismus zu verstehen. Ein Ort, an den ich nicht nochmal muss, aber der bestehen bleibt, weil immer genügend Leute dorthin finden. Das Prinzip Laufkundschaft. So wie der ekelhafte “Italiener” bei mir gegenüber, den nachts die Teenager aus der angrenzenden Jugendherberge bevölkern. Ist halt nah, billig und hat lange offen. Kann mir nicht vorstellen, dass da irgendwer ein zweites Mal hingeht.

Die Suche nach dem Authentischen ist mit Aufwand verbunden. Wer den scheut, darf nicht erwarten, etwas besonderes zu kriegen. Die Urlaube, von denen ich mich danach erstmal erholen musste, waren die, bei denen ich am meisten für mich mitgen0mmen habe. Ok, ich will trotzdem mal auf die Seychellen oder Mauritius oder so, nur chillen. Aber dann weiß ich vorher, warum ich da hin fahr und was mich dort erwartet. Ein Bilderbuchfoto fürs facebook-Profil nämlich.