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Durch glückliche Umstände fiel mir die Tage ein Gutschein für einen Tag im Holmes Place in die Hände. Obwohl dieses riesengroße Fitnessstudio nur ein paar Minuten Fußmarsch von mir entfernt liegt, hatte ich das noch nie vorher gesehen. Danach gesucht hab ich natürlich auch nicht. Fitnessstudios sind für mich der Inbegriff unserer Wohlstandsgesellschaft, in der der “Arbeit” degeneriert worden ist zu stumpfen Computertätigkeiten und “zu Fuß gehen” bereits als Freizeitbeschäftigung gilt. Ein Hort der Unzufriedenheit, wo Gleichgesinnte an ihren persönlichen physischen Baustellen arbeiten, um einer von der Werbeindustrie konstruierten Perfektion nachzueifern. Brüder und Schwestern im Geiste, die sich doch gegenseitig neidvoll auf die Hintern starren. Der “Ausgleich” vom Büroalltag hat dabei nur so lange seine Daseinsberechtigung als Grund zur Mitgliedschaft, solange gleichzeitig Cellulite bekämpft wird oder der Bizeps an Umfang gewinnt.

Einen Freund durfte ich mit rein nehmen. An der Rezeption mussten wir allerdings erstmal einen Fragebogen ausfüllen, der mer Kreuzverhör war und einem schon beim Ausfüllen ein schlechtes Gewissen macht. Warum man denn nicht “trainiere”, und wann das letzte mal gewesen sei. Welche Ziele ich hatte, und ob sie erreicht habe bzw. warum nicht. In jeder Frage irgendwas mit “trainieren”… trainieren, trainieren, trainieren, mir wird schwindelig. Ich will doch nur in die Sauna, nu lass mich doch. Irgendwann erlöst die Dame uns und sagt: “Ist ok, das reicht.” Puh, ich war schon kurz vorm weinen.

Der Plan war bei -10 Grad Außentemperatur relativ klar: Sauna. Der Laden ist nämlich nicht nur Fitnessstudio, sondern hat auch Sauna und Schwimmbad im Angebot. Also haben wir erstmal zwischen einem ambitionierten Krauler auf Bahn 2 und einer älteren Dame der Sorte “Ich hebe meinen Kopf so weit wie möglich aus dem Wasser, damit meine Fönfrisur nicht nass wird” (ich hätte um der guten alten Freibad-Zeiten Willen eine Arschbombe neben sie setzen sollen) ein paar Bahnen gezogen. Rund um das gläserne Schwimmbad sind auf zwei Etagen die Pumpwerkstatt und gängige Ausdauergeräte angeordnet, so dass die Auf-der-Stelle-Läufer und Trockenruderer am Fenster die Wasserratten im Becken beobachten konnten und umgekehrt.

Da ich Schwimmbäder ohne Sprungtürme und -bretter langweilig finde, sind wir nach 200 m Lagen (Kraut und Rüben) in den Wellnessbereich abgezogen. Zu unserer Verwunderung hingen dort an den Wänden ca. 700 Kleiderhaken bei ganzen drei Duschen. Man stellt sich also nackt in die Schlange um zu brausen, und wenn man endlich dran war, begibt man sich auf die Suche nach seinem Handtuch. Neben gefühlten 5000 Quadratmetern Gerätepark blieb leider auch nur noch Platz für eine kleine finnische Ecksauna, ein Dampfbad und eine von diesen “Biosaunen”, wo das Licht irritierenderweise ständig wechselt und einem 60 Grad bloß ein müdes Lächeln auf die Lippen zwirbeln. Also gleich in die “richtige” Sauna zur Salamiparty. Erst nach ner halben Stunde wurde uns bewusst, dass es sich doch um einen gemischten Bereich handeln musste, als sich ein weibliches Wesen zwischen all den Lurchen identifizieren ließ. Ob die sich so richtig wohl gefühlt hat… schwer zu sagen. Jedenfalls betrat sie die Sauna in Begleitung ihres äußerst muskulösen Freundes, der ihr mit einem Fingerzeig deutete, wo sie sich hinzusetzen habe: Auf die mittlere Bank zwischen seine Füße. Die Harten nach oben. Sie, bis unters Kinn in ihr Handtuch eingewickelt, setzte sich gefolgsam schräg vor ihn und eine Etage tiefer hin, um sogleich dienerisch sein Bein zu streicheln. Erinnerte mich schwer an “Prison Break”, wo der böse “T-Bag” sich seine Jüngelchen hielt wie reudiges Vieh, indem diese niemals seine Hosentasche loslassen durften.

In der Sauna herrscht sowieso immer eine gewisse Ratlosigkeit darüber, welche Regeln dort gelten, so dass es einige selber in die Hand nehmen. “Was dagegen, wenn ich nen Aufguss mache? Dann wirds hier drin vielleicht ein bisschen ruhiger…” Aha, Sauna ist also Ruhebereich. Denkt dieser Herr. Und kippt Wasser über die Steine als gäbe es keinen Morgen mehr, setzt sich anschließend auf die unterste Bank, um daraufhin die Sauna als erster zu verlassen. Das ist natürlich auch ne Strategie. Der volltätowierte Typ neben mir stöhnt schon seit geraumer Zeit rum und rubbelt sich dabei an seinem siffigen Körper den Schweiß hoch und runter. Kein Fan von Understatement, scheint mir.

Nach dem dollen Aufguss, der irgendwann unsere Augen pulsieren ließ, ab in den Ruheraum. Ich habe noch nichtmal zwei Gedankengänge bis zu Ende gebracht, da packt mich die Angst, meine Kollege sei tot, als ich mich zu ihm umdrehe. Mit überstrecktem Kopf und offenem Mund liegt er dort wie ein Reanimationspatient auf der Krankentrage. Aber er atmet. Relativ laut irgendwann auch, so dass ich ihn wecke und wir uns für unseren letzten Gang frisch machen. Wieder so ein Aufguss-Profi, der sich selbst überschätzt. Vielleicht geht es auch nur um den kurzen Schmerz, die Gänsehaut, die die Affenhitze auslöst. Ein bisschen Masochismus muss dabei sein, schon in Ordnung. Der Hang zur Selbstpeinigung sollte ja eh allen Fitnessstudiogängern gemein sein.

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One response »

  1. Haha “Bei Holmes Place sagen wir: one life. live it well.”

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