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Tag Archives: diskussion

Diskutieren zwecklos

Besserwisser sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Einfach drauf los klugscheißen was das Zeug hält, ohne jegliches Fundament, das konnte nicht nur ich besonders gut. In meinem Freundeskreis war dieser Schlag Mensch immer sehr präsent, jeder hatte so seine persönliche Strategie, Bullshit möglichst pseudo-intelektuell zu verpacken und sein Gegenüber dabei zu diskreditieren. Plötzlich kommt das Internet einfach so daher und raubt uns Neunmalklugen die Grundlagen des Blendertums. Diese Grundlage war im besten Fall gefährliches Halbwissen, oft auch völlige Ahnungslosigkeit. Egal, diskutieren macht Spaß, Recht haben noch viel mehr. Oder den anderen auszulachen, wenn er übers Ziel hinaus geschossen ist. Und wenn es argumentativ reichlich dünn wurde, konnte man sich noch durch destruktives Verhalten in die Diskussion einmischen. Es gab immer Wege, sich mitzuteilen, obwohl man keinen blassen Schimmer hatte.

Das macht uns Klugscheißer so liebenswürdig. In vielen Fällen dreht es sich sowieso um Themen, die die Welt nicht braucht und die keiner unmittelbaren Klärung bedürfen. Könnte ungefähr so aussehen:

A: „Ey, warum rasieren sich Radfahrer eigentlich die Beine? Was soll das bringen?“

B: „Die sind dann aerodynamischer! Die ganzen Luftverwirbelungen am Bein und so, das kostet ja Zeit.“

C: „Klar!! Deswegen schrubbelt die sich auch jeder zweite Hobbyradler ab. Weils Hundertstel Sekunden einbringt.“

B: „Ja Ja! Wasn sonst deiner Meinung nach?“

C: „Die machen das, damit sich die Haare nich im Kettenblatt verfangen.“

Alle: „HAHAHAHAAA!“ (klingt so richtig dreckig und laut und abwertend) „Alter! Die sehen doch nich alle aus wie Chubaka!“

C: „Weißte, wie weh das tut!?“

A: „Nee man! So lange Haare hat doch niemand. Oder du etwa?“

C: „ICH nich.“

A: „Ich kenn auch keinen.“

C: „Was soll dann der Grund sein?“

B: „Vielleicht hat das einfach nur Style-Gründe. Einer hat mal damit angefangen und jetz glauben alle anderen auch, das machen zu müssen. Quasi um seine Zugehörigkeit zum erlauchten Kreis der Rennfahrer zu demonstrieren.“

C: „Sieht doch kacke aus.“

So ging das noch ne Weile weiter, ohne erleuchtende Einsichten. Wenigstens hat sich das dümmste Argument mit den zu langen Haaren nicht durchgesetzt. Ein Rätsel, wie jemand auf so eine Idee kommen kann. Und dann auch noch ein Freund von mir, das hat mich wirklich beschämt.

Aber der eigentliche Punkt ist doch der: Ist euch noch nicht aufgefallen, dass es solche Quatsch-Diskussionen kaum noch gibt? An einem viel zu frühen Punkt, bevor der Bullshit-Battle erst richtig losgehen kann, zückt irgendein Honk sein Smartphone und erstickt jeglichen Spaß im Keim. Vorbei mit Klugscheiß-Olympiade. Vorbei mit Anschreien, bis die Stimme bricht. Vorbei mit der-nervigste-gewinnt.

„Google ma!“ Ja, gute Idee. Lass uns andächtig die Köpfe senken und uns anschweigen, bis wir die im Grunde unnütze Information vom Spaßverderber lieblos ins Gesicht geschmettert bekommen. Als würde es darum gehen, wer als erstes sein Hirn ausschaltet und ein kleines Gerät bittet, die Wahrheit preis zu geben. Wo ist da die Kreativität? Bei den Quizshows um Sonja Zietlow und Werner Schulze-Erdel ging es ja auch nicht darum, dass Kandidaten richtige Antworten geben, sondern wir Zeuge davon werden, wie sie voll ins Klo greifen. Sowas wie:

„Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen Sie etwas, das man einmal in der Woche wäscht!?“

-„ Die Füße.“

Jo! Für manche durchaus plausibel. Oder:

„Wen spielte John Malkovich in dem gleichnamigen Film „Being John Malkovich“?“

– „Äh, Tom Hanks?“

Hätte ja sein können. Wenn der Genosse nur Zeit genug gehabt hätte, uns seine Beweggründe für diese Antwort elaboriert darzulegen. Aber das interessiert Sonja Zietlow nicht. Und viele andere auch nicht. Dabei wärs doch herrlich, wenn „richtig“ und „falsch“ erstmal einem Aushandlungsprozess unterlägen. Die gepflegte Unterhaltung braucht Überzeugungsarbeit, kein allwissendes Netz.

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